Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Hubert Schirneck
Sonja Bougaeva (Illustrator)

Typisch Bär!

Bilderbuch

Buchbesprechung

​Der Bär hört gerne Radio. Dabei schnappt er so allerhand auf. Vor allem die Sprichwörter faszinieren ihn. Er notiert sie sich, allerdings braucht er dafür so lange, dass er den Anfang der Sprichwörter oft schon vergessen hat, während er noch schreibt. So entstehen neue Redensarten wie „Ein Apfel kommt selten allein“ oder „Morgen isst auch noch ein Tag“. Dass die eigenwilligen Nachdichtungen ohne Sinn und Zusammenhang auskommen müssen, fällt dem Bären nicht auf, nur seinen Nachbarn, der Ente oder dem Löwen, seinem besten Freund. Zu belehren ist der Bär aber nicht, ein alter Rechthaber ist an ihm verloren gegangen, und so schütteln die anderen Tiere nur den Kopf und seufzen „Typisch Bär!“.

Diese neuen Geschichten zum Vorlesen von Hubert Schirneck entpuppen sich als liebevoll-ironische Erzählungen, die oftmals viel raffinierter entwickelt sind, als es der schlichte Titel vermuten lässt. Denn gleich in der ersten Story zeigt sich, dass eine dicke Portion Halbwissen, die aus dem Radio nachgeplappert wird, nicht wirklich klug macht. Immer wieder greifen die Informationen, durch die sich der Bär zuhörender Weise unterhalten lässt, viel zu kurz. Aufklärung erfährt er stattdessen vom Löwen und vor allem von dessen Freundin Luise. Immer wieder lässt Hubert Schirneck seinen Löwen kritisch nachfragen, denn der hat sich erkundigt: Die Sprichwörter des Bären gibt es gar nicht. So funktionieren Bildung und analytisches Denken.

Hubert Schirneck entfaltet in seinem Buch eine wunderbar klare Prosa, die sich gut zum Vorlesen eignet, weil die Sätze schnörkellos und zielgerichtet formuliert sind. Hier bewegt sich jemand aufmerksam in einem Sprachschatz, der auch Sechsjährigen zugänglich ist und gleichwohl Charme besitzt. Zumal Schirneck in den zahlreichen Dialogen die Stimmen von Bär und Löwe unverwechselbar zum Klingen bringt.

Die Sprache ist das eigentliche Sujet der Geschichten. Hubert Schirneck vermittelt seinen Lesern zum Beispiel eine Vorstellung vom Umgang mit Metaphern, indem er eine Geschichte von den Sternbildern entwirft. Der Bär versucht, sich ein Sternbild vom Himmelszelt an die Wand zu nageln. Dabei fällt er in eine Bärenfalle und entdeckt aus der dunklen Grube aufschauend die Sternenbilder am erleuchteten Himmel. Dass der Pädagogenfinger hier gar nicht erst erhoben werden muss, liegt an der Geradlinigkeit, mit der Schirneck bei seinen Stories bleibt und sie auf ihre Pointe hin vorantreibt.

Sprachliche Wendungen wörtlich zu nehmen, ist für Schirneck eine Haltung, die den Blickwinkel der Kinder ernst nimmt und ihm zugleich eine poetische Komik ermöglicht. Der Bär versucht etwa herauszufinden, was Rache ist, da diese doch bekanntlich süß sein soll – und Süßes findet sein ungeteiltes Interesse. Die Geschichte führt ihn jedoch nicht in dramatische Konflikte, sondern in die Arme einer Bärin, in die er sich verguckt, so dass sich die Sehnsucht nach der netten Freundin durch den Rest des Buches zieht.

Nie verliert Hubert Schirneck aus dem Auge, dass er für Kinder erzählt. Jene Herzschmerz-Romanzen, die viel zu oft in die Kinderliteratur Eingang finden, obwohl Grundschulkinder herzlich wenig mit dem für sie schwer verständlichen Phänomen der Liebe anfangen können, meidet Schirneck mit Bedacht.

Während der Bär auf die Rückkehr seiner Freundin wartet, beginnt er zu grübeln und wird dafür vom Löwen gerügt. Aber selbstbewusst entgegnet er: „Wer grübelt, bekommt Ideen und Ideen sind gut.“ Recht hat er. Hubert Schirneck entwirft seinen Bären nicht als schwerfälligen Gesellen, sondern in diesem Bären schlummert – ganz im Sinne der überlieferten Tiersymbolik, die den Bären Energie und Kreativität zuschreibt – ein großes Potential an Fantasie und Wissensdurst. Dieser Bär ist zudem ein Brillenbär, eine Tatsache, die Sonja Bougaeva in ihren Illustrationen zu den Texten durch die Helligkeit betont, die sie dem Bärengesicht verleiht. Ihre Tiere leben von den Augen, die immer ein wenig erstaunt schauen und dadurch unverkennbar nach Antworten verlangen.

Hubert Schirneck hält seine Leser zum Nachfragen und Hinhören an, aber er langweilt sie nicht mit prompten Antworten. Zur Sprache gehören das Erforschen von Bedeutung und das Experimentieren mit ihr. Ein Spiel, das auch schon einmal an den Gestaden des Nonsens stranden darf. Sprache ist nicht nur ein Instrument der Erkenntnis, sondern auch ein Werkzeug, mit dem die Dinge zum Schweben und Balancieren gebracht werden dürfen. So gelingen Hubert Schirneck zarte, komische und nachdenkliche Tiergeschichten, die sich unter der Hand als eine tolle Einführung in die Wunderwelten der Sprache erweisen. Wer diese Stories vorgelesen bekommt und geduldig nachfragen darf, der ist auf jeden Fall gut gerüstet, für das, was in der Schule noch gelernt werden soll.        
Thomas Linden

Von Thomas Linden, 19.09.2012

​Thomas Linden arbeitet als Journalist (Kölnische Rundschau, WWW.CHOICES.DE) in den Bereichen Literatur, Theater und Film und konzipiert als Kurator Ausstellungen zur Fotografie und zur Bilderbuchillustration.