Sparte: Sachbuch

Stefan Klein
Träume - Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit

Sachbuch

Willkommen im Land der Träume

Jeder Mensch träumt, wenn er schläft. Wer sich für eine Ausnahme hält, kann sich an seine Träume nur nicht erinnern: Bei ihm ist die Grenze zwischen Tagesbewusstsein und Nachtwahrnehmung weniger durchlässig als bei anderen. Manche Schläfer erleben allnächtlich so aufregende Dinge und machen so intensive Erfahrungen, dass der ganze Tag von jenen Eindrücken, die wunderbar oder schrecklich, verwirrend oder erhellend sein mögen, eingefärbt bleibt. Aber auch diese Träumer behalten nur einen Bruchteil von dem im Gedächtnis, was zur Schlafenszeit unentwegt vor ihrem inneren Auge abläuft.

Seit Urzeiten hat, was sich in der Sphäre unserer  nächtlichen Imagination ereignet, die Menschen beschäftigt, ihnen Rätsel aufgegeben und sie zu Deutungsversuchen gedrängt; es hat sie schöpferisch inspiriert und ihre Vorstellungskraft erweitert. Die prophetische und die poetische Traumdeutung sind aus dem Blickfeld unserer realitätsfixierten Gegenwart weitgehend verschwunden, und die psychoanalytische scheint sich ebenfalls als Auslaufmodell zu erweisen. Dafür liefert nun die Hirnforschung immer neue, messbare Erkenntnisse zu unseren Traum-Aktivitäten und deren Rhythmen, aber auch zu diversen Übergangsphasen zwischen Wachen, Schlafen und Träumen, die Hinweise darauf liefern, dass diese drei Bewusstseinszustände nicht scharf voneinander zu trennen sind, sondern einander auf komplexe Weise durchdringen.

Der Physiker und Philosoph Stefan Klein, der zurzeit als erfolgreichster Wissenschaftsautor deutscher Sprache gilt, hat in dem Buch „Träume. Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit“ den aktuellen neurophysiologischen Wissensstand in leicht verständlicher, kurzweiliger und spannender Form zusammengefasst. Mitgeliefert wird eine kleine Forschungsgeschichte, die zum Beispiel darüber aufklärt, wer das Elektroenzephalogramm erfand, wie trickreich ein gewisser Baron d’Hervey im 19. Jahrhundert mit Hilfe von Düften seine Träume lenkte und warum Schlafwandler für ihre Taten nicht verantwortlich zu machen sind. Mit wissenschaftstheoretischen Erwägungen hält Klein sich nicht auf, dafür gibt er praktische Ratschläge zur Vermeidung oder Einordnung von Albträumen. Das Pathos eines Sigmund Freud, für den Träume der „Königsweg zum Unbewussten“ waren, ist der heutigen Forschung fremd, doch besteht Einigkeit über die psychische Entlastungsfunktion des Traumerlebens.

Besonders sympathisch wirkt, dass Stefan Klein, bei aller Verankerung in der modernen Empirie, sich und dem Leser ein Hintertürchen offen hält für den unbeweisbaren Rest, das spekulative Element, das nun einmal zur Welt des Traums gehört. Die Verfügbarkeit riesiger Traumdatenbanken und die Möglichkeit, Trauminhalte aus dem Gehirn „herauszulesen“, beeindrucken letzten Endes weniger als das ungelöste Rätsel, warum Menschen, die von Geburt an blind sind, genauso träumen wie Sehende.

Zwischen dem zuweilen bizarr anmutenden Laborrealismus der Neuro-Forscher und Fallbeispielen, die deren Erklärungsmuster wieder relativieren, verliert der Autor nicht aus den Augen, was ihn persönlich an Träumen fasziniert: die Möglichkeit, aus ihnen etwas über sich selbst zu erfahren und dadurch die eigene Kreativität zu steigern. Die unter anderem von tibetanischen Mönchen kultivierte Methode des Klarträumens, die es erlaubt, das nächtliche Erleben je nach Wunsch zu steuern, hat er offenbar schon getestet. Es könnte eine Zeit kommen, in der Berichte über die Bewusstseinstechniken alter Kulturvölker wieder interessanter werden als alle Messdaten aus dem Labor. Stefan Klein, so scheint es, wäre auch darauf vorbereitet.  
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 11.03.2015

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.