Sparte: Sachbuch

Christian Adam
Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich

Buchbesprechung

In der Erforschung des Nationalsozialismus wurde in der Vergangenheit oft die  Unterscheidung zwischen Tätern, Mitläufern, solchen, die in die „innere Emigration“ gingen und Widerständlern vorgenommen. Wie künstlich diese Einteilung ist, weil letzten Endes idealtypisch und deshalb nur unzureichend dazu geeignet, die Wahrheit zu sagen, verdeutlicht eine neue Studie über den Buchmarkt im Dritten Reich.

Ihr Autor, Christian Adam, konzentriert sich dabei nicht, wie vielleicht zu erwarten gewesen wäre, auf die schon oft geschilderte Geschichte der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933, sondern erstmals in systematischer Weise mit ihrem Gegenpart – mit der Liste der opportunen Werke, der Blut-und-Boden-Prosa und dem völkischen Schrifttum der Jahre 1933 bis 1945. Und der Befund mag überraschen. Denn während man sich im nationalsozialistischen Deutschland leicht mit der Benennung dessen tat, was der „Aktion wider den undeutschen Geist“ geopfert werden sollte, zeigten sich die Kulturgewaltigen wankelmütig in der Frage, was es zu fördern und zu bewahren gelte. Sie waren kompromissbereit bis zur Selbstverleugnung, pragmatisch wie Unternehmer und zerstritten bis aufs Blut. „Reichserziehungsministerium, Innenministerium, Propagandaministerium, Dienststelle Rosenberg, die Kulturverwaltung der Länder und Provinzen, die Kulturämter der Partei, die Reichskulturkammer mit ihren Einzelkammern, die Organisation ‚Kraft durch Freude’, der Dozentenbund, der Studentenbund, die entsprechenden Berufsverbände [...] sind im einzelnen bemüht, nationalsozialistische Kulturpolitik und Kulturarbeit zu treiben, ohne dass es bisher gelungen wäre, diese vielfältig wirksamen Kräfte zu einer geschlossenen, in den grundsätzlichen Teilen aufeinander abgestimmten, planend vorausschauenden Kulturpolitik zusammenzufassen.“ So zu lesen im Jahresbericht des Sicherheitshauptamtes von 1938.

Thomas Manns Verdikt, demzufolge Bücher, denen man von 1933 bis 1945 eine Lizenz zum Drucken gab, insgesamt wertlos seien, galt lange als unumstößlich. Christian Adam, der sich durch 350 Bestseller des Dritten Reiches gelesen hat, beweist, dass diese These so nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Das Hauptproblem der Nationalsozialisten bestand nämlich darin, dass es ihnen an linientreuen Autoren mangelte. Das Volk aber wollte lesen. Das machte die Führung kompromissbereit.

Zwar galten Hitlers Propagandaschrift „Mein Kampf“ und Alfred Rosenbergs „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ als Katechismus der NS-Zeit. Doch waren diese Werke zu brachial, um echte Lieblingsbücher der Deutschen zu werden. Beherrschender Buchtyp wurde deshalb die Unterhaltungsliteratur. Ebenfalls erfreute sich die sogenannte „Wehrbelletristik“ großer Popularität. Gemeint waren Kriegserlebnisbücher tapferer Soldaten, deren Heldentaten und Frontberichte dem deutschen Volk Mut und Kampfgeist vermitteln sollten. Hans Zöberlein reüssierte mit seinen chauvinistischen Erinnerungen „Der Glaube an Deutschland“ und „Der Befehl des Gewissens“ gleich doppelt. Und P.C. Ettinghofers „Verdun, das große Gericht“ war der erfolgreichste Weltkriegsseller des Dritten Reichs. Hinzu kam eine ganze Reihe von zunächst harmlos klingenden Sachbüchern. So Anton Zischkas Rohstoff-Roman „Ölkrieg“, in dem allerdings im Stil scheinneutraler Wissenschaftsprosa Deutschlands Unabhängigkeit von fremden Energiequellen propagiert wurde. Auch Forscherbiografien, die ihre Protagonisten (etwa der Mediziner Robert Koch) als Volkshelden feierten, fanden reißenden Absatz. Gleiches gilt für Lebenshilfebücher von „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ bis hin zu „Mensch und Sonne. Arisch-olympischer Geist“, einem skurrilen Buch über das Nacktwandern.

Doch vor allem die Wehrbelletristik barg Risiken. Ernst Jüngers „Auf den Marmorklippen“, das viele schon damals als schaurige NS-Parabel lasen, gelangte kurioserweise unbeschadet in die Frontbuchläden, während Erich Maria Remarques Vorkriegsbestseller „Im Westen nichts Neues“ wegen allzu naturalistischer Schilderungen der Gräuel des Ersten Weltkriegs von der NS-Führung boykottiert wurde.

Und Inkonsequenzen traten jetzt überall zutage: Der Zukunftsroman hatte reaktionär zu sein, weil visionär ja schon die Nazis waren. Krimis waren Verkaufsschlager, mussten aber von ihren angloamerikanischen Einflüssen befreit werden. Paul Alfred Müller füllte seine Science-Fiction-Heftchen „Sun Koh – der Erbe von Atlantis“ mit ideologischem Brimborium. Die Zensoren kritisierten daran später die „Entwürdigung der Fragen, um deren Lösung die Besten ringen“.

Auf dem Gebiet der Unterhaltungsliteratur aber wurde die Zerstrittenheit der Nazis auf die Spitze getrieben. Alfred Rosenberg sah als Beauftragter „für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP“ in den gefühlsduseligen Geschichten einer Hedwig Courths-Mahler eine Gefahr für die „Volksgesundheit“. Goebbels hingegen, der des Führers Liebe zu Karl May kannte, (denn dieser hatte ihn gelehrt, so Albert Speer später in seinen Spandauer Tagebüchern, „dass es nicht notwendig sei zu reisen, um die Welt zu kennen“), versuchte die friedlichen Effekte der Trivialunterhaltung für die Politik nutzbar zu machen. Im Kriegsjahr 1940 notiert er in sein Tagebuch: „Ein bisschen Entspannung, das tut so gut!“

Kann man im Hinblick auf die Literatur im Dritten Reich also von einer „erfolgreichen Gleichschaltung“ sprechen? Nein, schreibt Christian Adam. Denn um über die künstlerische Armut ihres zwölf Jahre währenden tausendjährigen Reiches hinwegzutäuschen, mussten die Nationalsozialisten Kompromisse eingehen. „Die kommerziell erfolgreich gewordenen ‚Dissidenten’ und die mit sensiblen Sensoren ausgestatteten Unterhaltungsprofis bestimmten am Ende jener zwölf Jahre beinahe das Bild.“ Ohne sie, so die These Adams, wäre kein Staat zu machen gewesen.

Bei genauer Betrachtung aber eben auch keine Bundesrepublik. Zahlreiche Autoren, die unter den Nazis Bestseller verkauften, schrieben in den fünfziger Jahren erfolgreich weiter. „Die Feuerzangenbowle“ von Heinrich Spoerl ist nur einer von vielen Unterhaltungsstoffen, die sich nahtlos in die neue Zeit einfügten. Lesen unter Hitler lenkt unsere Aufmerksamkeit damit nicht nur auf die Brüche zur nationalsozialistischen Kulturpolitik, sondern auch auf die insgesamt noch wenig erforschten Kontinuitäten. Dass in Hitlers Nachlass ein Buch über „Die Wirkung einiger Wirbeltierhormone auf den Süßwasserpolychaeten Lycastis ranauensis Feuerborn“ gefunden wurde, ist da nur eine bizarre Fußnote, die zeigt, dass man in Bücher zwar einiges hineinlesen kann, aber nicht alles aus ihnen heraus.
Katharina Teutsch

Von Katharina Teutsch, 01.06.2011

​Katharina Teutsch ist Journalistin und Kritikerin und schreibt unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, den Tagesspiegel, die Zeit, das PhilosophieMagazin und Deutschlandradio Kultur.