Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Nikolaus Heidelbach
Wenn ich groß bin, werde ich Seehund

Bilderbuch

Buchbesprechung

​Nikolaus Heidelbach traut sich. Er traut sich an die großen, ernsten Themen heran. Zugleich traut er aber auch den Kindern: Er traut ihnen zu, an diesen ernsten Themen nicht nur interessiert zu sein, sondern ihnen emotional wie intellektuell in all ihrem Ernst gewachsen zu sein. Dabei weiß der Kölner Illustrator und Autor voll und ganz, was er tut, schließlich stützt er sich auf eine über dreißigjährige Erfahrung, die fast ebenso lang mit einer Vielzahl von Auszeichnungen gewürdigt worden ist. In seinem umfangreichen Werk zeigt sich die fehlende Scheu vor „schweren Themen“ bereits an frühen Büchern wie „Kleiner dicker Totentanz“ (1984) und „Kleines Alphabet für Tierquäler und Kinderfreunde“(1986).

Doch nichts wäre weniger am Platz, als nun eine niederdrückende Schwerst-Lektüre zu erwarten. Heidelbach, der „Wenn ich groß bin, werde ich Seehund“ nicht nur illustriert, sondern auch selbst geschrieben hat, entwirft eine klar und doch reich bebilderte Geschichte, er zeigt sich als ein Meister der Aquarell-Illustration: Die flächigen Bilder sind auf wenige Objekte konzentriert, ihre Klarheit wird von einem breiten leeren Rand betont. Bisweilen treten die Figuren ganz aus dem Rahmen hinaus, kommen auf weißem Grund voll zur Geltung.

Die Erzählung scheint der ruhigen Ausgeglichenheit des Meeres zu folgen. Die natürlichen, gedeckten und doch nie blassen Farben unterstützen diese Stimmung, zugleich wirken die Interieurs  zeitlos, wird erst nach mehrmaligem, genauen Lesen und Schauen an wenigen Details erkennbar, dass diese Geschichte nicht in der Vorzeit, sondern in der Gegenwart stattfindet. Kein Zufall, stellt Heidelbach dem Buch doch ein Zitat aus David Thomsons „Seehundgesang“ voran, es soll sich zeigen, dass er uns tatsächlich wie dieser auch in die Welt der irischen und schottischen Legenden führt.

„Schwimmen habe ich nie gelernt, ich konnte es schon immer“ lautet der erste Satz, da schwimmt der Junge bereits wie ein Fisch im Wasser, vollführt mit den Fischen unter und über der Wasseroberfläche einen Tanz. Vor dem Hinter- oder vielmehr Untergrund des märchenhaften Meeresbodens, den die Leserinnen und Leser bereits auf der Einband-Innenseite kennenlernen, entwirft Heidelbach in großen Zügen die Harmonie eines intensiven Lebens. Enorme Meer-Ansichten, Himmel und Strand – alles ist so weit, wie das Auge reicht. Der Vater ist mit dem Meer auf das Engste verbunden, ein Fischer, die Mutter versorgt das Haus – jede Woche ein Zimmer besonders gründlich – und wagt keine Zehenspitze in das Wasser. Der titelgebende „Berufs“-Wunsch des Jungen wirkt wie die aufgeräumte Oberwelt, scheint ein rührend naiver, klarer Plan zu sein.

Doch wie die Geschichte vor ihrem eigentlichen Anheben bereits in die Schattenwelt unter der Oberfläche abtaucht, so eröffnen auch die Geschichten der Mutter eine andere Ebene der Welt, ihr Meer ist bevölkert von Fabelwesen mit sprechenden Namen: Aus ihrer Erzählung entspringt ein nicht enden wollender Zug aus Meerjungfrauen, Tintenprinzen, Todesquallen und Meertrollen in die Nachtträume des Jungen. Sieben Seiten nimmt dieses phantasiesatte und opulente Panorama ein, mit ihm wendet Heidelbach die Atmosphäre des Buches: Von nun an gibt die Unterwelt Takt und Stimmung für den weiteren Verlauf der Geschichte vor, auch das Zurückliegende zeigt sich  doppelbödiger als geahnt. Zugleich bekommt auch der Titel eine neue Bedeutung, steht für die Reaktion des Jungen auf ein schicksalhaftes Ereignis.
Ohne die inhaltliche Pointe des Buches aufdecken zu wollen: Nikolaus Heidelbach verknüpft in schlichten, ausdrucksstarken Sätzen ernstzunehmende Fragen der kindlichen Lebenswelt mit einer genuin der kindlichen Wahrnehmung entsprechenden Perspektive. Er tut dies in der festen Überzeugung, dass – adäquate Darstellung und Ernsthaftigkeit vorausgesetzt – Kinder mit keinem Thema überfordert sind, dass sie vielleicht keine Erwachsenen-Worte, dafür aber eigene Deutungen und vor allem Bilder für das sie Betreffende haben.

Wenn es dem Autor gelingt, all diesem Ausdruck zu verleihen, so beruht dies neben der glasklaren Sprache auf den wunderbaren Aquarell-Bildern, die eben beides können: Aufgeräumtheit ebenso wie überbordende Phantasterei, schlichte Alltagswelt ebenso wie deren vielfältiges Aufgehen in der Fülle des Traums wiedergeben. Beides bereichert sich gegenseitig, gibt einander neue Facetten und schafft so ein großes Lese- und Sehvergnügen, ein Buch von starker Wahrhaftigkeit. 
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Von Michael Sellhoff, 19.05.2012

​Michael Selhoff arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Philosophischen Seminar der CAU Kiel und ist freiberuflicher Lektor.