Sparte: Belletristik

Brigitte Kronauer
Zwei schwarze Jäger

Buchbesprechung

Zu den am häufigsten misslingenden Experimenten heutiger Schriftsteller gehört es, sich das Lebensgefühl und die Weltwahrnehmung historischer Figuren anzuverwandeln: Meistens wird daraus entweder Kitsch oder eine angestrengte Pflichtübung. Nicht so bei Brigitte Kronauer, die in einem Kapitel ihres jüngsten Romans Zwei schwarze Jäger die Gräfin Aurora von Königsmarck auftreten lässt, Mätresse Augusts des Starken und später Pröbstin des Stiftes Quedlinburg, eine der bemerkenswertesten Frauengestalten des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts.

Die Episode „In Deiner Drangsalshitze“, betitelt mit einem weniger bekannten Zitat aus dem populären Kirchenlied „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, ist eine hinreißende Barock-Miniatur, die wie eine Schatulle den Farbenrausch und die Affektglut, die rigiden Rituale und die Vanitas-Melancholie jener Epoche umschließt.

Kronauer, Trägerin des Büchnerpreises und unter den deutschsprachigen Prosa-Autorinnen zur Zeit vermutlich diejenige mit der ausgeprägtesten Sprachmusikalität, bewegt sich in solchen Vergangenheits-Maskeraden ebenso souverän und leichtfüßig, wie sie in anderen Versuchsanordnungen eine brüchige Gegenwart mit romantischer Ironie umhüllt oder mit mythologischen Bezügen auflädt.

Wer ihr lesend folgen will, muss auf Höhentaumel ebenso gefasst sein wie auf die Mühen der Ebene und die Magie des Labyrinths. Was wie eine Literaturbetriebssatire beginnt, verzweigt sich alsbald in eine hinterhältig unübersichtliche Konstruktion, in der es von Anspielungen und Analogien, doppelten Böden und unterschwelligen Korrespondenzen wimmelt.

Im grünen Kabinett des Provinzschlösschens, in dem die Schriftstellerin Rita Palka eingangs aus ihrer Erzählung Zwei schwarze Jäger liest, sind die Kreuzungspunkte des Stucknetzes an den Wänden mit Spiegelplättchen markiert. So wie Rita sich aus den Scherben den Widerschein des „grün blitzenden, zuckenden Abendlichts in der schönen Wildnis draußen“ zusammensetzt, kann man in den Romanepisoden und ihren mehr oder weniger abschweifenden, ja abseitigen Verläufen den funkelnden Reflex des Kronauerschen Bauplans finden, der von Erzählgirlanden und Ornamenten wie von Schlingpflanzen überwuchert ist.

Von der berühmten Skulpturengruppe in der Villa Borghese zu Rom, die zwei schwarze Jäger und zwei Raubkatzen wechselseitig und unentrinnbar aneinandergeschmiedet zeigt, hat Rita Palka sich zu einer Beziehungsgeschichte besonderer Art inspirieren lassen.

Als ihr kleinstädtisches Lesungspublikum, spärlich und zwangsverpflichtet, mit Anzeichen dumpfer Langeweile reagiert, verwandelt sie die folgende Erzählung, angekündigt als „Die Grotte“, in ein Kabinettstück tollkühner Improvisation, das die Höhle des Riesen Polyphem aus der Odyssee, die Tiberiusgrotte in Sperlonga, einen exaltierten Archäologieprofessor und die Lebenstragödie eines verhinderten Musikers aus dem Heimatdorf der Dichterin auf das Abenteuerlichste verknüpft.

Es kommt zu einem komischen Eklat, und wenig später wird eine im Schloss aufbewahrte Replik der „Zwei schwarzen Jäger“, von der eifersüchtigen Gattin des Veranstalters zertrümmert, in tausend Bruchstücken am Boden liegen. Und Brigitte Kronauer führt fort, was Rita Palka begonnen hat, indem sie den Leser mit wunderlich sich überkreuzenden Lebensläufen, skurril scheiternden Figuren, grotesken Begebenheiten und hemmungslosen Erzählvolten provoziert, ihn beständig Fragmente von Erinnertem und Erfundenem auflesen und neu zusammenfügen lässt.

Das Personal der Episoden, auf den ersten Blick völlig disparat, ist aneinandergekettet durch Träume und Glücksvisionen, die auf dem Boden der Tatsachen zerschellen. Das haben sie gemeinsam - die ausrangierte Mätresse des Sachsenkönigs und die im Rollstuhl gealterte Schönheit, die ihren Ex-Liebhaber als Don Juan auf die Nachbarinnen ansetzt; die Supermarkt-Kassiererin, die als Prostituierte dem Alltag entfliehen will, und die zwergwüchsige Tochter aus reichem Hause, die der schwärmerischen Bindung an den weitgereisten Onkel nicht entkommt und zur Mörderin wird; der einst erfolgreiche Maler, dessen Kunstproduktion sich jetzt in Schüttelreimen erschöpft, und der opernsüchtige Verlagslektor, der sich in einen Kellner verliebt hat und nun, auf den Spuren seiner verstorbenen Tante und ihrer persönlichen Glückssuche, eine philosophisch grundierte Gletscherwanderung unternimmt.

Das „Verlangen nach Musik und Gebirge“, das – einem Nietzsche-Zitat folgend – dem vorletzten Kronauer-Roman den Titel gab, wird auch diesmal wieder gestillt: Die Sprachmusik der Autorin trägt über die Unwegsamkeiten des Geländes, bis zu jenen Höhen, auf denen der Blick über die „schreckliche Leere“ und „tödliche Abschüssigkeit“ des Menschenlebens hinweg in spiegelnde Fernen und unerhofften Glanz geleitet wird. Wo dieses kleine Wunder sich ereignet, hat Literatur, man muss es so sagen, ihre erhabenste Aufgabe erfüllt.
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 01.03.2010

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.