Sparte: Belletristik

Julia Franck
Die Mittagsfrau

Buchbesprechung

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2007, knapp ein Jahr nach Erscheinen bereits in 28 Sprachen übersetzt: Wie lässt sich der überwältigende Erfolg von Julia Francks viertem Roman Die Mittagsfrau erklären, was macht die Faszination dieses Erzählwerks über das Leben einer jungen Frau und die schicksalhaften Wendungen aus, die dieses vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des 2. Weltkriegs nimmt?

Der Prolog, aus der Perspektive eines Kindes geschildert, konfrontiert den Leser unvermittelt mit einer „unerhörten Begebenheit“. Kurz nach Kriegsende 1945 verlässt eine Mutter mit ihrem achtjährigen Sohn Peter das völlig zerstörte Stettin in Richtung Westen. Als der Zug in der Nähe von Pasewalk stehen bleibt, geschieht das Unfassbare: Die Mutter lässt ihr Kind allein auf dem Bahnsteig stehen – und kehrt nie mehr zu ihm zurück. Welche schmerzhaften Erfahrungen und Brüche in ihrer Biographie könnten dazu geführt haben, dass diese Frau ihr Kind durch eine derart grausam erscheinende und zugleich sehr bewußt gewählte Entscheidung verstößt? Um diese für die Autorin auch autobiographisch relevante Frage kreist das Erzählen im Hauptteil des Romans.

Julia Francks Vater wurde, wie die Figur Peter, 1945 von seiner Mutter in der Nähe der Oder-Neiße-Grenze alleine auf einem Bahnsteig zurückgelassen. Mit Hilfe einer langen Rückblende, in der sich mit der Kindheit beginnend die Biographie der Protagonistin Helene über vier Jahrzehnte hinweg entfaltet, schreibt sich Julia Franck mit enormer sprachlicher Genauigkeit an das Verhalten der auf den ersten Blick so unmenschlich wirkenden Mutter heran:

In Bautzen führen der Druckereifabrikant Ernst Ludwig Würsich und seine Frau Selma mit den beiden Töchtern Helene und Martha vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges ein nach außen hin erfülltes Leben, in dem es an nichts fehlt. Doch die Familienstruktur ist defizitär: Die jüdische Mutter spricht nie über ihre Herkunft oder ihren Glauben und sie leidet unter dem Verlust ihrer vier totgeborenen Söhne. Aufgrund ihrer gesellschaftlichen Außenseiterrolle und ihrer psychischen Labilität ist sie nicht in der Lage, ihren Töchtern Liebe entgegen zu bringen, sie ist „am Herzen erblindet“. Die mangelnde mütterliche Zuneigung ersetzen die Mädchen durch eine schon im Kindesalter erotisch geprägte Bindung zueinander. Franck entwirft, detailreich und eindringlich beschrieben, das Motiv der lesbischen Liebe. Die hier bereits angelegte Diskrepanz zwischen körperlicher Sinnlichkeit und unaufhebbarer psychischer Distanz zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Text.

Als der Vater später schwer verletzt aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrt, pflegen ihn Helene und Martha aufopferungsvoll bis zu seinem Tod, um dann auf Einladung ihrer Tante Fanny ins Berlin der zwanziger Jahre zu ziehen. In deutlichem Kontrast zum beschränkten Landleben in der Lausitz entwirft Julia Franck hier ein lebendiges und atmosphärisch dichtes Bild des großstädtischen Lebens und vermittelt so ein eindrückliches Zeitgemälde - sowohl die plastische Schilderung der Lebensverhältnisse des assimilierten Bürgertums in Bautzen als auch das gesellschaftliche Panorama Berlins in den Zwanziger Jahren zeugen von gründlichen Recherchen der Autorin zu Alltagskultur und Lebensweisen der Zeit.

Während sich Martha die Roaring Twenties in all ihren Facetten, von der leidenschaftlichen Liebe zu einer Frau bis hin zur Selbstzerstörung durch Drogen, auskostet, genießt Helene die geistigen Herausforderungen, denen sie im großbürgerlichen Umfeld der Tante begegnet. Sie lässt sich vom jüdischen Philosophiestudenten Carl Wertheimer umwerben, der mit ihr ins Theater und in die Oper geht, sie mit der Lektüre Spinozas verführt und sie für die intellektuellen Debatten und philosophischen Strömungen der Zeit zu begeistern weiß. In Carls Dachkammer entwickelt sich eine romantische und körperlich innige Liebe zwischen den beiden. Doch als Carl kurz vor der anstehenden Hochzeit tödlich verunglückt, zerbricht Helene. Sie verliert nicht nur ihre Fähigkeit zu lieben, ihre Sinnlichkeit, sondern sie verliert jegliche Lebensfreude – und damit auch die Möglichkeit, sich anderen mitzuteilen. Nicht einmal ihrer innig geliebten Schwester Martha hat sie noch etwas zu sagen.

Julia Franck zeichnet mit dem für sie charakteristischen unerbittlich-distanzierten Blick auf ihre Protagonistin deren emotionales Erkalten nach. Sie nimmt ihr in den entscheidenden Momenten ihres Lebens die Ausdrucksfähigkeit, es scheint, als würde das Schweigen für sie zu einer Überlebensstrategie. Entsprechend nüchtern ist auch die Sprache, in der davon erzählt wird, wie sich das begabte und beredte Mädchen im Laufe des Romans zu einer sprachlosen Frau entwickelt, deren Leben ausschließlich von Disziplin und Selbstbeherrschung geprägt ist. Psychologische Deutungsversuche überlässt die Autorin jedoch ganz dem Leser, stets wahrt sie den Respekt vor der Autonomie ihrer Figur.

So wird auch ohne jegliche Wertung davon erzählt, wie die innerlich erstarrte Helene den Avancen des Nazi-Ingenieurs Wilhelm nachgibt, der ihr mit dem Ahnenpass „eine saubere Herkunft“ besorgt, indem er ihre jüdischen Wurzeln aus den Papieren tilgt. Helene lässt sich schweigend ihrer Identität berauben – aus Helene Würsich wird im Zuge der Eheschließung Alice Sehmisch. Als Wilhelm in der Hochzeitsnacht feststellt, dass seine Frau keine Jungfrau mehr ist, beginnt eine Ehehölle voller Respektlosigkeit, Betrug, Vergewaltigung und psychischer Gewalt. Realistisch und unerbittlich gegenüber ihrer Protagonistin beschreibt Julia Franck die Wandlung der Helene – ohne sie oder ihr Tun dabei zu beurteilen. Es entsteht das Psychogramm einer gebrochenen Frau, die nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes vom Kindsvater sitzen gelassen wird.

Während des Krieges arbeitet Helene bis zur völligen Erschöpfung im Krankenhaus und kümmert sich aufopferungs- und liebevoll um ihre Patienten. Zuhause dagegen ist sie nicht mehr fähig, Gefühle zu zeigen, sie funktioniert nur noch und stellt sich und die eigenen Bedürfnisse vollkommen zurück: „ihre Geduld war alles, sie war Fassung und Form“. Nie spricht sie mit Peter über die brutalen Wirren des Krieges, über ihre Vergewaltigung durch Soldaten, die er mit ansehen muss, über zerfetzte Gliedmaßen, die sie täglich zu Gesicht bekommt, oder darüber, dass es nichts mehr zu essen gibt. Der einzige Ausweg, den Helene in dieser verzweifelten Lage sieht , ist es, Peter in der Hoffnung auf ein besseres Leben zum Bruder ihres Mannes aufs Land zu schicken, jedoch ohne den Jungen, der sie bedingungslos liebt, in ihre Pläne einzuweihen. Denn: „Er würde sie nicht gehen lassen.“

Mit dem Epilog schließt sich die erzählerische Klammer, in die Helenes Lebensgeschichte eingebettet ist: Dieser ist erneut aus der Perspektive des inzwischen fast erwachsenen Peter erzählt, der auf dem Hof seines Onkels lebt und arbeitet und seinen siebzehnten Geburtstag damit verbringt, sich auf dem Heuboden vor der Mutter zu verstecken, die ihn zum ersten Mal nach all den Jahren besuchen kommt. Aus sicherer Distanz beobachtet er ihr Kommen und ihr Gehen, aber er will von dieser Frau nichts mehr wissen. Es ist ihm nichts von „der Mutter da unten“ geblieben als das, was der Onkel ihm in seiner Wut über die Schwägerin erzählt: Helene lebt inzwischen mit ihrer älteren Schwester Martha in einer kleinen Einzimmerwohnung in der Nähe von Berlin und arbeitet viel. Mehr erfährt auch der Leser nicht über die knapp zehn Jahre, die seit der Trennung am Bahnsteig vergangen sind. Während Peter beobachtet, wie seine Mutter am Ende des Tages wieder abfährt, ohne dass er sich ihr gezeigt hätte, ist er sich ganz sicher, dass „er sie sein Leben lang nicht mehr sehen will“.

Was nach der Lektüre von Julia Francks Die Mittagsfrau bleibt, ist die irritierende Erkenntnis, dass unbegreifliche Entscheidungen und Verletzungen im Leben eines Menschen vielleicht nicht gerechtfertigt oder gar verstanden, auf jeden Fall jedoch grandios und preiswürdig erzählt werden können.
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Von Verena Kling, 01.08.2008