Sparte: Belletristik

Antje Rávik Strubel
Tupolew 134

Roman

Buchbesprechung

Tupolew 134 – ein polnisches Linienflugzeug diesen Typs wurde am 30. August 1978 von zwei Ostdeutschen auf seinem Flug von Danzig zum Flughafen Schönefeld in Ostberlin entführt und zur Landung auf dem Westberliner Flughafen Tempelhof gezwungen. Den beiden Entführern, einem Mann und einer jungen Frau, die aus der DDR in den Westen fliehen wollten, wurde vor einem eigens zu diesem Zweck eingerichteten US-Gericht auf dem Flughafengelände der Prozeß gemacht.

So weit das Faktengerüst dieses spektakulären und bis heute nie ganz aufgeklärten Entführungsfalls der späten siebziger Jahre, das die junge Autorin Antje Rávic Strubel in ihrem vierten Roman zum Ausgangspunkt einer ungemein fesselnden Geschichte über die Suche nach Glück und persönlicher Freiheit in den Zeiten des Kalten Krieges macht. An deren Ende stehen die Ent-Täuschung aller Beteiligten, das Scheitern aller Utopien.

Im Roman sind die beiden Flugzeugentführer eine attraktive und lebenshungrige junge Frau namens Katja Siems und ihr älterer Arbeitskollege und Freund Lutz Schaper. Beide arbeiten im LKW-Kombinat Ludwigsfelde; ihr Leben ist bestimmt von der täglichen Routine in der Fabrik, bis Katja eines Tages an der Werkbank feststellt: „Ich lebe nicht mehr gern so.“ In diesem beiläufig geäußerten Satz liegt schon der Keim zu ihrem Entschluß, die DDR zu verlassen.

Mit dieser Sehnsucht nach einer Welt, „in der es möglich war, vierundvierzig Sonnenuntergänge an einem Tag zu erleben. Forty-four sunsets, said the little prince […]“, steckt Katja schließlich auch Lutz an, der wohl vor allem wegen seiner unausgesprochenen Liebe zu ihr einwilligt, mit in den Westen zu gehen. Konkret wird Katjas Ausbruchswunsch aber erst, als der versiert-charmante westdeutsche Ingenieur Hans Meerkopf als Koordinator für innerdeutsche Zusammenarbeit in das Ludwigsfelder Automobilwerk kommt und sogleich eine Affäre mit Katja beginnt – oder sie mit ihm?

Jedenfalls resultiert aus diesem deutsch-deutschen Verhältnis ein Fluchtplan, der vorsieht, daß Katja und Lutz sich in Danzig mit Meerkopf treffen, um von dort aus mit gefälschten Pässen gemeinsam auf einer Fähre in den Westen zu entschwinden. Meerkopf kommt allerdings nie in Danzig an, da er – irgend jemand hat ihn verraten – unterwegs von der Stasi festgenommen wurde. Die Tatsache, daß ihr Fluchthelfer nicht wie verabredet erscheint, führt bei Katja und Lutz in einer Art Übersprungshandlung zu der wenig aussichtsreichen Flugzeugentführung, aber eines ist klar: Zurück nach Ludwigsfelde können sie jetzt nicht mehr.

Nach der Landung in Westberlin werden die beiden vor Gericht gestellt: Katja Siems wird mangels Beweisen freigesprochen. Und auch Lutz Schaper wird nur zu einer – eher symbolisch zu nennenden – Haftstrafe von wenigen Wochen verurteilt: Seine Waffe hat sich als achtzig Jahre alte Schreckschußpistole erwiesen. Nach ihrer Freilassung leben Lutz und Katja in Westberlin, ohne Kontakt zueinander.

Auf drei Zeitebenen, die mit harten Schnitten kontrastiert werden, untergründig aber raffiniert miteinander verwoben sind, entfaltet sich dieser Roman um Liebe, Eifersucht, Verrat und das Scheitern aller selbstbestimmten Zukunftsentwürfe – und er umfaßt nicht weniger als fünfzig Jahre deutsch-deutscher Geschichte. Die verschiedenen Erzählebenen werden jeweils durch Signalwörter markiert. Jede von ihnen markiert eine Stufe in jenem „Schacht“ der Vergangenheit, in dem Erinnerung und Erzählung sich hier bewegen.

"Oben" erstreckt sich die Erzählgegenwart des Romans: Fünfundzwanzig Jahre nach den Ereignissen versucht eine junge Journalistin, im Gespräch mit Katja die Motive ihrer Tat zu erhellen. "Unten" ereignen sich die Flugzeugentführung, die Untersuchungshaft, die Gerichtsverhandlungen. "Ganz unten" entfaltet sich die Vorgeschichte der Flucht bis zurück in Katjas Geburtsjahr 1953.

Diese komplexe und tragfähige Erzählkonstruktion spiegelt in ihrer Diskontinuität und Unzuverlässigkeit die Erinnerungsarbeit selbst wieder: „Die Geschichte hat begonnen. Sie läuft mit einer ihr eigenen Logik, die nur im nachhinein zu verstehen ist. In der Erinnerung. Die Zukunft ist eine Wurzel aus der Erinnerung.“ Der Eindruck einer sich ständig entziehenden Wirklichkeit wird dadurch verstärkt, daß auch die Erzählinstanz sich als unzuverlässig erweist. Am Ende stellt sich heraus, daß Katja selbst diese Erzählerin gewesen ist – eine Erzählerin, die alles Gesagte sogleich wieder in Frage stellt, so daß auch der Leser in diesen vielschichtigen Rekonstruktionsprozeß einbezogen wird. Unter Strubels erkenntniskritischen Prämissen kann an dessen Ende aber kein objektives Ergebnis, sondern bestenfalls eine subjektive Wahrheit stehen:

„So könnte es jedenfalls gewesen sein. Man muß sich bemühen, die Dinge richtig zu sehen. Auch wenn man nichts Richtiges hat. Was ich habe, sind Seifenblasen und Luftschlösser. Im Wüstensand wabernde Seen. Man kann sich bemühen. Um die richtige Reihenfolge. Um Gerechtigkeit. Um ausreichend Distanz und die Draufsicht.“

Diese Passage ist exemplarisch dafür, wie der Roman immer wieder um metapoetische Fragen, um das Verhältnis von Wahrheit und Fiktion, von subjektivem Erleben und dem objektiven Gang der Geschichte kreist. Um so erstaunlicher ist es, daß Tupolew 134 bei aller Skepsis gegenüber einem planen Realismus überaus plastische Schilderungen der realsozialistischen Alltagswirklichkeit enthält. In derselben nüchternen Sprache werden auch die Figuren und ihre Beziehungen geschildert. Dennoch bleiben sie seltsam opak, weil die Erzählerin auf explizite Erklärungen für das Verhalten der Figuren konsequent verzichtet.

Es geht Strubel in ihrem großen Roman weniger darum, wie es „wirklich gewesen ist“, als vielmehr darum, wie es auch hätte sein können. Diese alternativen Sichtweisen auf das Geschehene, dieses Infragestellen des Faktischen resultiert wesentlich aus dem Neben- und Gegeneinander verschiedenster Stimmen und Mutmaßungen, die der Roman in seiner Ganzheit kaleidoskopartig immer wieder neu durcheinanderwirbelt: „Eine Geschichte hat viele Schlupflöcher“ – und Gewißheit gibt es folglich nirgends.
Anne-Bitt Gerecke

Von Anne-Bitt Gerecke, 17.01.2005