Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Henning Wiesner
Günter Mattei (Illustrator)

Das große Buch der Tiere

Bilderbuch

Buchbesprechung

Das große Buch der Tiere ist eines jener Bücher, die sich nicht einfach beschreiben oder einordnen lassen. Das liegt sicher vor allem an seiner Aufmachung, die es auf den ersten Blick als Kinderbuch erscheinen lässt. Dabei richtet sich dieses – auch von seinen Ausmaßen her – große Buch an alle Menschen, die gerne in den Zoo gehen, die Tiere mit Sympathie betrachten und mehr über deren Leben erfahren möchten. Es greift ganz unterschiedliche Aspekte tierischen Lebens auf und führt schließlich im letzten Kapitel zu einem – zumindest aus unserer Sicht – ganz besonderen Tier: dem Menschen und der Frage, was uns eigentlich von unseren nächsten Verwandten im Tierreich, den (Menschen-)Affen unterscheidet.

In sieben Kapiteln führt uns Henning Wiesner, der Direktor des Münchner Tierparks Hellabrunn, durch die Welt der Tiere und beginnt etwas uns allen Bekanntem, nämlich mit dem Zoo. Er zeigt, dass Zoos längst nicht (mehr) nur eine Tierausstellung für Großstadtkinder sind, sondern dass sie sich aktiv im Arten-, im Tier- und damit auch allgemein im Naturschutz engagieren können. Als Beispiele nennt er die Auswilderung der Mhorr-Gazelle in der freien Natur in Marokko und Tunesien und Versuche mit Rückzüchtungsprogrammen ausgestorbener Tierarten wie dem Auerochsen oder dem Tarpan, die diese Arten zwar nicht wieder „auferstehen“ lassen können, aber zumindest eine Vorstellung davon vermitteln können, wie die Urform dieser Tiere wahrscheinlich ausgesehen haben .

Die drei folgenden Kapitel erläutern drei faszinierende Bereiche der Zoologie, die sicher auch bei den jüngeren Lesern und Betrachtern Erstaunen und Vergnügen wecken. Zunächst geht es um „tierische Glanzleistungen“, wie es im Untertitel des Kapitels heißt, um das Fliegen der Vögel und das Tauchen der Fische, um die Temperaturregulierungen bei Pinguinen und Eisbären und das Hochleistungsherz der Giraffe.

Die Illustrationen von Günter Mattei (mit dem zusammen Wiesner bereits sein erstes Buch gemacht hat) sind unverzichtbarer Bestandteil der zoologischen Erklärungen, so dass sich Text- und Bildteil der einzelnen Tafeln in optimaler Weise ergänzen. Seine im besten Sinne altmodisch anmutenden, kolorierten Zeichnungen liefern zu jedem Thema die passenden Bilder. Das sind manchmal schematische Darstellungen, manchmal Querschnitte von Details oder Körpern oder eben auch „einfach“ die Darstellung der Tiere in ihrem natürlichen Umfeld.

Das dritte Kapitel befasst sich mit Beispielen aus der Verhaltensforschung. Hier geht es um das Sozialverhalten von Rudeltieren, um Jagdtechniken und Reviermarkierungen. Vor allem das Verhalten von so beeindruckenden Tieren wie Löwen oder Wölfen wird hier geschildert, aber auch von recht harmlosen Tieren wie dem heimischen Rotwild ist die Rede. Wie sich verschiedene Tierarten den Lebensbedingungen in der Natur anpassen und selbst in engen Räumen ihre Nischen finden, zeigt das vierte Kapitel, das von der „Kunst zu überleben“ erzählt. Beispielhaft beschreibt der Autor hier, wie sich das Leben der Lemuren in den Urwäldern Madagaskars in verschiedenen „Baum-Etagen“ abspielt, damit sich drei sehr ähnliche Unterarten dort bei der Suche nach Nahrung und sicheren Schlafplätzen nicht ins Gehege kommen.

Aber Wiesner erklärt uns nicht nur die (Tier-)Welt, wie wir sie heute erleben, sondern auch, wie sie früher war. In zwei Kapiteln befasst er sich mit entwicklungsgeschichtlichen Themen und greift auf, wie die Tierarten unserer Zeit aus ihren Ahnen „in grauer Vorzeit“ hervorgegangen sind und warum sich andere hingegen nicht weiter entwickelten, sondern in einer Sackgasse der Evolution stecken blieben. Freunde von Mammuts und anderen Urtieren kommen hier auf ihre Kosten. Aber auch für diejenigen, die sich mehr für unsere Haustiere interessieren, gibt es Interessantes zu erfahren. In einem eigenen Abschnitt wird die Kulturgeschichte unserer Haus- und Nutztiere dargestellt. Die mitunter komplizierten Züchtungswege zu Hausziegen, -schafen, -eseln und -pferden sind im Einzelnen beschrieben und erinnern an den langen gemeinsamen Weg von Menschen und Tieren.

Im letzten und auch inhaltlich abschließenden Kapitel geht Wiesner der Frage nach, was letztlich den Menschen von seinen tierischen Verwandten unterscheidet. Ist es der aufrechte Gang, die feinmotorische Weiterentwicklung der menschlichen Hand, die Entwicklung eines Sprachzentrums im menschlichen Gehirn? Verblüffende kognitive Fähigkeiten sind inzwischen auch bei Schimpansen und Bonobos festgestellt worden. Der berühmte Bonobo „Kanzi“ beispielsweise kann sich mit Hilfe eines Computers mit 250 Zeichen relativ komplex ausdrücken und einfache logische Zusammenhänge verstehen.

Doch neben der menschlichen Fähigkeit, sich sprachlich differenziert zu artikulieren oder komplizierte Werkzeuge herzustellen, liegt der Unterschied natürlich in dem Bewusstsein von der Vergänglichkeit allen Lebens.

Mit einem kurzen, etwas besorgten Ausblick auf die Zukunft der Menschen beschließt Wiesner sein Buch, überlässt aber Erich Kästner das letzte Wort mit seinem Gedicht „Die Entwicklung der Menschheit“, das mit den Worten endet: „…bei Lichte betrachtet sind sie [die Menschen] im Grund noch immer die alten Affen.“. Außer Kästner werden jeweils zu Beginn eines neuen Kapitels humorvoll und sorgfältig ausgewählte Gedanken berühmter anderer Autoren von Borges über Busch bis zu Saint-Exupéry zum Wesen und Wunder der Tiere zitiert.

Wiesner und Mattei ist ein ganz besonderes Buch gelungen, das nicht den Besuch im Zoo ersetzt, sondern erst richtig Appetit darauf macht. Sollte einen der Weg in den Münchner Tierpark führen, wird man viele Tafeln aus dem Buch in viel größerem Format vor den Tiergehegen wieder finden, denn hierfür wurden sie ursprünglich konzipiert. Wie schön, dass es nun eine Buchausgabe für die Regentage gibt!
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 19.06.2006