Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Sybille Hein
Rutti Berg, die Bäuerin, wär so gerne Königin

Bilderbuch

Buchbesprechung

Unzählige lehrreiche Geschichten der Weltliteratur handeln von denjenigen, die zu hoch hinaus wollen und daran scheitern. Meist enden sie tragisch, denn schließlich heißt es ja: „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“

Es begegnen einem aber auch immer wieder Beispielerzählungen aus den verschiedensten historischen Epochen mit der genau umgekehrten Stoßrichtung , die den Zagenden und Zaudernden zuzurufen scheinen: Bewegt Euch, wagt etwas! Gerade Jugendbewegungen haben sich über die Zeiten hinweg dem Motto Erich Kästners „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“ verpflichtet gefühlt.Und auch dieses kleine Bilderbuch von Sybille Hein gehört ganz offensichtlich eher zu dieser zweiten Gruppe von Exempelgeschichten.

Rutti Berg träumt von einem schöneren Leben. Sie möchte statt Bäuerin gern Königin sein, die Kuh mit dem Pferd und den Hof mit einem Schloss vertauschen. Und so schreitet sie auch gleich zur Tat. Alles scheint nach Plan zu verlaufen, als unvermittelt ein Monster auftaucht und Rutti mitsamt ihrem Schloss verspeist. Doch zum Glück wird sie von den treuen alten Freunden gerettet und kehrt reumütig auf den Hof zurück. Wer nun aber denkt, sie sei ein für alle Mal kuriert von ihren hochfliegenden Plänen, irrt sich gewaltig. Kaum eingeschlafen, hört man sie im Schlafe flüstern: „Astronautin wär’ ich gerne.“

Sybille Hein, die mit ihrem unverwechselbaren Stil in den letzten Jahren zahlreiche Kinder- und Bilderbücher illustriert hat, stellt sich mit „Rutti Berg...“ zum ersten Mal auch als Autorin vor. Der gereimte Text, der hier den einfachen Handlungsstrang präsentiert, hat einen fröhlichen Rhythmus, der sich hervorragend vorlesen lässt. Die Sätze sind kurz und witzig und erinnern von der Melodie und vom Tempo her an Wilhelm Buschs Verse aus „Max und Moritz“. Aber anders als beim oft drastisch-belehrenden Busch hat diese Geschichte dann doch ein hoffnungsfrohes Ende!

Das Buch ist mit seinen zum Teil in sich geteilten Seiten aufwendig gestaltet. Durch diese Klapptechnik entstehen während des gemeinsamen Vorlesens und Anschauens zusätzliche Verzögerungs- und damit Überraschungsmomente. Mit ihrer besonderen Illustrationstechnik, Zeichnungen und Collagen zu kombinieren und auch Zahlen und kleine Kommentare in die Bilder einzubauen, gestaltet Sybille Hein jede Seite ganz individuell und überraschend. Mit einfachen Mitteln verleiht sie ihren Figuren ungeheuer ausdruckstarke Gesichter, nicht nur den Menschen, sondern ebenso den Tieren und dem Monster, die in Heins Illustrationen selbstverständlich ebenfalls Persönlichkeiten sind.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 19.01.2006