Sparte: Sachbuch

Said
In Deutschland leben. Ein Gespräch mit Wieland Freund

Biografie

Buchbesprechung

Nicht über Gott und die Welt, sondern über sein Leben in Deutschland spricht SAID mit Wieland Freund, dem gut zwanzig Jahre Jüngeren, dem Journalisten, dem Deutschen. Vieles unterscheidet die beiden Gesprächspartner und doch entwickeln sich diese Gespräche in einer Atmosphäre des Einverständnisses, die Seitenwege zulässt ohne die Richtung zu verlieren.

Im Vorfeld des Gesprächs erinnert sich SAID in zwei einführenden Kapiteln seiner Kindheit im Iran, seiner Abreise, zugleich schmerzhaft und befreiend, und er schildert die ersten Eindrücke nach der Ankunft in Deutschland. Nicht nur das Land, vor allem auch die deutsche Sprache ist ihm zunächst Exil, dann Asyl, schließlich doch so etwas wie Heimat. Einfühlsam und intensiv berichtet SAID, wie er sich nach Jahren politischer Arbeit in der Organisation iranischer Studenten mehr und mehr der Sprache und der Literatur zuwendet und sich „mit dem deutschen leben“ beschäftigt – ein Schritt, der ihn einerseits von alten Freunden entfernt, ihn andererseits aber um so offener werden lässt für die neue Sprache. So wird Deutsch für ihn ein „Auffanglager“, und er beginnt, darin zu schreiben.

Der Epilog des Buches führt dieses Leben in zwei Sprachen und zwei Welten aus. In poetischer Bildhaftigkeit schreibt SAID hier ganz anders und doch nicht weniger deutlich von seinen Gedanken, Fragen, Ängsten und Träumen. Meist ist es „das Kind“, das spricht, dann wieder der Fremde, der Halbwüchsige, der Exilierte, der gealterte Flüchtling. Sie sprechen von der Schwierigkeit, in Europa anzukommen, von Orient und Okzident und von Amerika. Es ist ein lyrischer und anrührender Monolog, den der Dichter und Mensch SAID an den Schluss seines Buches stellt.

Eingebettet zwischen diese sehr unterschiedlichen Texte ist nun das Gespräch mit Wieland Freund. Genau genommen sind es fünf Gespräche mit fünf Themen. Jedes dieser Gespräche nimmt zwar Bezug auf die anderen, kann aber ebenso für sich gelesen werden. Gegenstand des ersten Gesprächs ist „der Deutsche“ („den es nicht gibt“). Die vielen, detaillierten Beobachtungen SAIDs über Verhalten, Wesen und Seele des Deutschen, („den es nicht gibt“) drücken vor allem eines aus: Zuneigung und Vertrauen für die Menschen, mit denen er seit nunmehr fast vierzig Jahren lebt. Das hält ihn nicht davon ab, teils augenzwinkernd, teils auch ganz ernst Charaktereigenschaften zu beschreiben, die den (deutschen) Leser doch zur kritische Selbstreflexion anregen werden.

Zwei der Gespräche befassen sich mit ganz konkreten Ereignissen deutscher Nachkriegsgeschichte, die SAID als Zeitgenosse und gleichzeitig als Beobachter aus besonderer Position erlebte: Da sind zum einen die Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Schah-Besuch in Deutschland 1967 und der darauf folgenden Studentenbewegung, zum anderen die Öffnung der DDR-Grenze und die Wiedervereinigung Deutschlands. Beide Ereignisse haben ihn tief bewegt, aber während das Gespräch über 1968 und die Folgen aus der zeitlich größeren Distanz eher ein wertendes Berichten ist, spielt beim Thema Wiedervereinigung das Gefühl eine bestimmende Rolle. Wieland Freund, der Nachgeborene und Angehörige der „Generation Golf“, wie er sich selbst nennt, stellt im Gespräch über 1968 dem Zeitzeugen SAID Fragen zum Verhältnis der Studenten zu Amerika, zur Gewaltfaszination der Bewegung, zu den Begriffen von Autorität und Anti-Autorität, und dieser gibt dem Jüngeren Auskunft aus der Distanz. Beim Thema „Mauerfall“ hingegen nimmt das Gespräch einen anderen Verlauf. Hier tauschen sich zwei aufmerksame Beobachter über den innerdeutschen Umgang mit dieser großen Veränderung aus, über die unklare Rolle der Linken im Westen, die gegenseitigen Vorurteile, die nach der ersten Euphorie aufeinander prallten, die Vielschichtigkeit und Originalität der Bewegung, die der Öffnung der DDR voraus ging.

Grundsätzlicher ist das Gespräch über Literatur und Politik. Auf die Eingangsfrage von Freund, ob Literatur politisch sein soll, antwortet der Dichter weise: Sie kann, aber sie muss nicht. Wiederholt wird in den Gesprächen Bezug auf Günter Grass und seine Rolle in der politischen Öffentlichkeit genommen, auf seine Ambitionen, in der großen Politik auch offiziell aktiv zu sein. Doch: „Ein Autor kennt die Wege der Politik nicht.“ So bestätigt SAID für sich denn auch den oft benannten Rückzug ins Private, der auf die Moralisierung der Literatur durch die Gruppe 47 und ihre Politisierung durch die Studentenbewegung folgte. SAID lässt Widersprüchliches stehen. Die Haltung der Politik zur Kultur und insbesondere die Haltung der deutschen Sozialdemokratie dazu bezeichnet er als angstvoll, doch Willy Brandts Vorliebe für Marschmusik und Schlager tut seiner Anerkennung für diesen „einzigen Weltbürger“ seiner Partei keinen Abbruch.

SAIDs grundsätzliches und tiefes Vertrauen in die deutsche Demokratie der Berliner Republik kommt im letzten Gespräch deutlich zum Ausdruck. Nach seinem Empfinden bot die Situation nach 1989 zum ersten Mal in der deutschen Geschichte die Möglichkeit, aus eigener Kraft und in eigener Regie einen Normalisierungsprozess einzuleiten, mit allen Vor- und Nachteilen, die eine solche Normalisierung mit sich bringt. Die Verunsicherung einer Gesellschaft sieht er nicht nur als Chance, sondern geradezu als Voraussetzung für eine Neuorientierung. Wenn es auch anfangs langsam geht, so ist er doch überzeugt: „Dieses Land findet immer seinen Weg.“

Dieses Buch erzählt davon, was Deutschland in den letzten vierzig Jahren für SAID, den Flüchtling, den iranischen Studentenaktivisten, den Dichter war und ist. Heimat sei da, wo man versteht und auch verstanden wird, hat Karl Jaspers einmal gesagt. In diesem Buch zeigt SAID, wie sehr er Deutschland inzwischen zu seiner Heimat gemacht hat: er versteht und macht sich verständlich.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 19.08.2004