Sparte: Belletristik

Julia Franck
Lagerfeuer

Roman

Buchbesprechung

Wer tauscht „Teewurst und Bierschinken“ gegen „Schmelzkäse und stark riechenden Tilsiter der einfachsten Sorte“? Diese und andere Fragen prägen den Alltag von sogenannten Republikflüchtlingen aus der DDR im Notaufnahmelager Marienfelde Ende der siebziger Jahre.

In ihrem jüngsten Roman Lagerfeuer verleiht Julia Franck drei von diesen Menschen im Niemandsland zwischen Ost und West eine eigene Stimme und läßt sie stellvertretend für das ganze „Wir Vereinzelter, Flüchtlinge, Übersiedler, Aussiedler“ sprechen. Denn als ein solches, unfreiwilliges Kollektiv empfinden sich die Lagerbewohner gegenüber der neuen Welt da draußen, zu der sie (noch) keinen Zutritt haben. Aus drei verschiedenen Perspektiven, die jeweils eine Art Alltagsprotokoll eines Ich-Erzählers darstellen, erfahren wir von den unterschiedlichen Schicksalen dieser Menschen, die in in der Bundesrepublik ein neues Leben anfangen wollen.

Eine von ihnen ist Nelly Senff, eine schöne junge Chemikerin. Einige Jahre nach dem mysteriösen Selbstmord des Vaters ihrer beiden Kinder erhält sie schließlich die Genehmigung, zusammen mit der zehnjährigen Katja und dem achtjährigen Aleksej auszureisen. Sie tut dies unter dem Vorwand, einen Mann aus West-Berlin heiraten zu wollen, der in Wahrheit aber nur ihr Fluchthelfer ist. Diese vergleichsweise geregelte Form, ihr Land zu verlassen, stellt dennoch eine Flucht dar, allerdings aus rein privaten, nicht aus politischen oder religiösen Gründen.

Nach dem Tod ihres Geliebten hatte sie immer stärker das Gefühl, in der DDR „nicht weiterleben zu können. Sie sei lebendig begraben gewesen, mit all ihren Erinnerungen. Deshalb habe sie hergewollt. Um ihre Erinnerungen loszuwerden.“ Ein Weiterleben erscheint ihr nur möglich an einem erinnerungsfreien Ort: „Für mich ergab es keinen Sinn mehr, dazubleiben. Die Orte sind alle von ihm besetzt, sie lassen sich für mich nicht neu sehen. Ein anderes Land mit derselben Sprache, aber ohne diese Orte – das ist es, warum ich hier bin.“ Mit aller Kraft kämpft sie ums Vergessen, um den Neuanfang. Zugleich bleibt auch sie nicht unangefochten von den ewigen Verhören, erst durch die Staatssicherheit, dann durch die westlichen Geheindienste: „da ist nichts mehr in meinem Kopf, leer, ausgehört, alles rausgehört“.

Diese starke und sensible Frauenfigur scheint auf natürliche Weise im Mittelpunkt von Francks Erzählens zu stehen. Um sie herum gruppieren sich die drei anderen Stimmen, die in diesem Ausschnitt deutsch-deutscher Wirklichkeit zu Wort kommen. Im Auffanglager Marienfelde, diesem Ort des Übergangs, an dem sich eine Vielzahl von Lebenswegen kreuzen, verdichten sich die Lebensschicksale von insgesamt vier Ich-Erzählern zu einem Vierteljahr gemeinsamen Lebens. Sie alle verbindet, daß ihr Traum vom „goldenen Westen“ und von einem neuen Leben jäh endet.

Dies gilt für die naive Polin Krystyna, die ihren schwerkranken Bruder im fortschrittlichen Westen behandeln lassen will und dafür ihr Leben als Cellospielerin aufgibt und zuletzt auch noch das Cello verkauft. Doch auch die Behandlung in einem westdeutschen Krankenhaus kann den krebskranken Bruder nicht retten, und so bleibt Krystyna schließlich allein mit ihrem senilen Vater im Lager zurück.

Dann gibt es da noch Hans Pischke, einen früheren Schauspieler, der in der DDR im Gefängnis saß, weil er eine Lenin-Statue mit roter Farbe übergossen hatte. Nach mehreren Jahren Haft wurde er vom Westen freigekauft und traut sich seitdem aus Angst vor Stasispitzeln nicht aus dem Lager heraus. Ausgerechnet über ihn wird dann im Lager das Gerücht verbreitet, er arbeite als Agent für die Staatssicherheit. Auch er findet das erhoffte Glück im Westen nicht: „Ist dir nicht aufgefallen, daß wir in einem Lager wohnen mit einer Mauer drumherum, in einer Stadt mit einer Mauer drumherum, mitten in einem Land mit einer Mauer drumherum. Du meinst, hier drinnen, im Innern der Mauer, ist der goldene Westen, die große Freiheit?“ Hans Pischke jedenfalls glaubt nicht mehr daran.

Die letzte der vier Stimmen gehört John Bird. Er gehört nicht zu den glücksuchenden Neuankömmlingen, sondern ist ein Vertreter der Macht. Er arbeitet für die CIA. Seine Aufgabe ist es, in Einzelverhören den Flüchtlingsstatus der Lagerbewohner zu überprüfen und vermeintliche DDR-Spitzel aufzudecken. Er sieht sich selbst als Repräsentanten einer besseren Weltordnung und verlangt dem entsprechend „Demut vor der Unabhängigkeit und Freiheit, die Sie erfahren dürfen, sobald Sie dem Ostblock entkommen sind.“ Doch auch er ist eine unglückliche und ohnmächtige Figur. Seine Ehe ist von Entfremdung geprägt, und auch ein flüchtiges Verhältnis mit Nelly Senff ist rein körperlich. Bis zuletzt bleib er gefangen in seiner eigenen Beziehungslosigkeit.

Die große Verheißung des Westens wird also für alle Figuren dieses vielstimmigen historisch-politischen Romans nach und nach demontiert. Statt der versprochenen Freiheit finden sie lediglich andere Formen der Unfreiheit und Abhängigkeit. Der Roman endet offen. Der Weihnachtsbaum, um den sich die Lagerbewohner am Schluß versammeln, geht knisternd in Flammen auf – so wie zuvor ihre Glückserwartungen zerstoben sind. Wie es nach diesem wenig wärmenden Lagerfeuer weitergeht, bleibt für alle Beteiligten – auch die Leser – ungewiß.

Lagerfeuer ist ein deutlich autobiographisch geprägter, aber auch jenseits des Authentizitätseindrucks fesselnder Roman über einen bisher weitgehend übergangenen Abschnitt deutsch-deutscher Geschichte. Entstanden ist so ein historisch-politischer Roman, in dem es weder um eine einseitige Abrechnung mit der DDR geht noch mit den Demütigungen, die der Westen den Neuankömmlingen zufügt. Julia Franck selbst reiste als Achtjährige zusammen mit ihrer Mutter und ihren Schwestern aus der DDR aus und verbrachte ein Dreivierteljahr in Marienfelde.

Ihre privaten Erfahrungen, die ja zugleich eine historische Tiefendimension haben, werden hier literarisch eindringlich verarbeitet: die Enge und Bedrängheit im Lager, das Fremdheitsgefühl draußen, die Angst und die Verdächtigungen drinnen und die Gewalttätigkeit auf beiden Seiten als Grenz-Erfahrungen im eigentlichen Wortsinne.
Anne-Bitt Gerecke

Von Anne-Bitt Gerecke, 19.01.2004