Sparte: Sachbuch

Helmut Böttiger
Nach den Utopien. Eine Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Buchbesprechung

Von „Platzhirschen“ und „Zeitungsschreibern“, von „Humor und Melancholie“, vom „Wissen“, der „Leere“ und dem „Ich“: von all diesen Phänomenen des zeitgenössischen deutschen Literaturbetriebs handelt Helmut Böttigers Literaturgeschichte mit dem bezeichnenden Titel Nach den Utopien. Und ebenso wie die zitierten Kapitelüberschriften neugierig machen auf das, was sich im einzelnen dahinter verbirgt, ist es das besondere Verdienst von Böttigers Überblicksdarstellung über Exponenten und Erscheinungsformen jüngeren deutschsprachigen Erzählens und Dichtens, daß sie die Neugierde des Lesers auf die behandelten Autorinnen und Autoren und ihre Texte weckt und Lust macht, bereits Bekanntes wiederzulesen, vor allem aber auch darauf, Neues zu entdecken.

Denn es sind keineswegs nur die >üblichen Verdächtigen< wie Günter Grass, Christa Wolf oder Martin Walser, die Böttiger in seiner Literaturgeschichte behandelt, sondern auch viele Autorinnen und Autoren der mittleren und jüngeren Generation – darunter auch einige heute weniger bekannte, deswegen aber nicht weniger interessante Schriftsteller wie der Ostdeutsche Fritz Rudolf Fries oder der jung verstorbene >Heimatdichter< Thomas Strittmatter. Letzterer stellt übrigens die einzige Ausnahme von dem in der Einleitung formulierten Auswahlkriterium dar, daß es in Nach den Utopien um „lebende Autoren gehen [soll], deren Werk bereits erkennbar ist und deren Namen man auch in zwanzig Jahren noch kennt“.

Im Untertitel nennt Böttiger seinen Querschnitt durch die gegenwärtige deutschsprachige Literaturlandschaft „Eine Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“ – und der unbestimmte Artikel ist dabei durchaus programmatisch zu verstehen. Denn es geht Böttiger hier weder um Vollständigkeit noch um eine allgemein gültige Objektivität seiner Auswahl, sondern vielmehr um die Porträtierung von mehr als dreißig aus seiner Sicht bedeutenden Gegenwartsautorinnen und -autoren . Sie alle sind für den Literaturkritiker Böttiger auf ihre je eigene Weise repräsentativ für die deutschsprachige Literatur der Jahre 1989 bis 2002, denn mit der deutschen Wiedervereinigung ist hier ganz offensichtlich der Beginn der im Titel genannten und bis in die Gegenwart hineinreichenden Epoche Nach den Utopien markiert.

Der Verfasser dieser Geschichte der jüngsten deutschsprachigen Literatur in Einzelporträts bekennt sich in seiner Einleitung unter dem Stichwort „Was ist Kritik?“ denn auch freimütig zur „Subjektivität des Autors“ als leitendem Prinzip bei der Auswahl der vorgestellten Autoren. Auf diese subjektive Auswahl des erfahrenen Literaturkritikers und langjährigen Redakteurs der Frankfurter Rundschau und des Berliner Tagesspiegels läßt man sich als Leser nur zu gern ein, da sie mit einem sicheren Blick für das Exemplarische und für die über das Tagesaktuelle hinausgehende Relevanz der porträtierten Autorinnen und Autoren getroffen wurde.

So unterschiedlich die hier kenntnisreich und nuanciert dargestellten Repräsentanten deutscher Gegenwartsliteratur von ihren Themen, ihrer Auseinandersetzung mit dem bundesrepublikanischen Alltag und von ihrem Stilwillen her auch sind und so deutlich in der Würdigung ihres Werks ihre spezifische Schreibweise herausgearbeitet wird, so unverkennbar setzt sich aus all diesen Einzelporträts mosaikartig eine Antwort auf die Leitfragen dieses Buches zusammen: „Was kennzeichnet [...] das zeitgenössische Schreiben? Worin besteht seine Unverwechselbarkeit? Welche Sprache, welche Formen stehen dafür zur Verfügung?“

Böttiger nimmt in seiner Literaturgeschichte bewußt keine Generalisierungen und starren Systematisierungen vor. Er stellt jedoch – wenn es sich anbietet – Verbindungen zwischen einzelnen Autorschaften her und weist auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede beispielsweise zwischen Peter Handke und Botho Strauß oder zwischen Markus Werner und Max Frisch hin. Auf diese Weise setzt er Wegmarken und gibt dem Leser Anhalts- und Orientierungspunkte in der deutschen Literaturlandschaft der letzten fünfzehn Jahre, hält sich aber wohltuend zurück, was Pauschalisierungen und Gruppenbildungen angeht. Statt dessen steht bei ihm stets das Individuelle des jeweiligen Schreibens im Vordergrund.

Mit großer Sensibilität nähert Böttiger sich den verschiedenen Objekten seiner „Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“, und man spürt in jedem der auch einzeln lesbaren Autoren- und Werkportäts die Ernsthaftigkeit, mit der er der Frage nachgeht, wie in den Texten der ausgewählten Autorinnen und Autoren die überall zu beobachtende „Auflösung des bürgerlichen Ich“ reflektiert wird und welche individuellen Gestaltungen das „Wissen um die Leere“ des Ich jeweils erfährt.

Böttiger erhebt bei seiner Darstellung dezidiert nicht den Anspruch, alle Autorinnen und Autoren zu berücksichtigen, die in der deutschsprachigen Literatur der letzten anderthalb Jahrzehnte eine wichtige Rolle gespielt haben. Vielmehr geht es ihm darum, die Vielfalt der zeitgenössischen deutschen Literatur wiederzuspiegeln, indem er Phänomene wie die Pop-Poesie von Thomas Meinecke oder das „Fräuleinwunder“, das man in jungen Autorinnen wie Judith Hermann sah, gleichberechtigt neben die großen Namen wie Wilhelm Genazino, Durs Grünbein oder Herta Müller stellt.

Ebenso selbstverständlich berücksichtigt Böttiger in seinem Panorama deutscher Gegenwartsliteratur signifikante neue Kategorien wie die „Vielsprachigkeit im Kopf“, die sich in den Texten von deutsch schreibenden Autoren niederschlägt, die zugleich auch in einer anderen Sprache und Kultur zuhause sind, so z.B. bei den türkischstämmigen Autoren Feridun Zaimoglu und Emine Sevgi Özdamar, der Ungarin Terésia Mora oder dem aus einer deutsch-griechischen Familie stammenden Andreas Schäfer. Durch diese Autoren mit einem multikulturellen Hintergrund bekommt die deutschsprachige Literatur „Töne und Farben, die auf die Zukunft hindeuten“.

Im Laufe der Lektüre dieses anregenden und mit Vergnügen zu lesenden Buches werden auf diese Weise viele wesentliche Entwicklungen und Tendenzen der deutschsprachigen Literatur seit der Wende erkennbar, und man darf schon jetzt gespannt sein, welche der von Böttiger in ihrer aktuellen Bedeutung gewürdigten Autoren auch aus der Distanz von zwanzig Jahren noch als stilbildend und epochemachend angesehen werden und welche von ihnen vielleicht doch nur für den gegenwärtigen literarischen Diskurs impulsgebend waren. Denn daß sie alle für die Entwicklung der deutschsprachigen Literatur zu Beginn dieses Jahrtausends von zentraler Bedeutung sind, das hat Böttiger mit seinem klugen Buch anschaulich vorgeführt.
Anne-Bitt Gerecke

Von Anne-Bitt Gerecke, 27.09.2004