Sparte: Belletristik

Per Leo
Flut und Boden - Roman einer Familie

Roman

Buchbesprechung

„Familienwappen, Humanismus, Schiffbau, Villa, Heide, Scholle, Bücher, Blitzkrieg, Sturmbannführer. Da komme ich also her.“ – So klingt eine Variante typisch deutscher Herkunft. Von ihr handelt Per Leos literarisches Debüt „Flut und Boden“, das im Frühjahr 2014 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war. Im ersten Moment könnte man den Titel für eine bloße Verballhornung der Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten halten. Aber Per Leo hat kein satirisches Buch geschrieben, sondern eine teilweise bissige Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft.

Per Leo, 1972 geboren, ist eigentlich Historiker. Seine Dissertation erschien 2013 im angesehenen Berliner Verlag Matthes & Seitz. Ihr Titel: „Der Wille zum Wesen: Weltanschauungskultur, charakterologisches Denken und Judenfeindschaft in Deutschland 1890-1940.“ Auch „Flut und Boden“ sollte eigentlich als Sachbuch erscheinen. Der Untertitel heißt aber nun „Roman einer Familie“ und deutet damit immerhin an, dass wir es nicht mit einem fiktiven Roman zu tun haben, sondern mit einer autobiographischen Familiengeschichte.

Im Roman wurde diese wahre Geschichte für den Erzähler Per Leo zur Versuchung. Zu gut kam sie auf Partys und in Therapiesitzungen an: „Niemand hätte sich wohl angezogen gefühlt, wenn ich als Enkel Himmlers oder Mengeles dahergekommen wäre. Aber die wohlverpackte Mischung aus alter Familie und blondem SS-Offizier schien ohne Umwege über die Hirnrinde eine kräftige Leitbahn des vegetativen Nervensystems zu elektrisieren. Sie löste erregte Augenaufschläge und Backenrötungsprozesse aus, als würde Fest persönlich live aus Speer himself berichten.“

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit seinem Thema hat Per Leo heilsam ernüchtert, so erzählt er es selbst. Sie ermöglichte es erst, den Roman seiner Familie zu erzählen. Der zentrale Ort für die Konfrontation mit der Familiengeschichte ist in „Flut und Boden“ ein großes Haus in der Weserstraße 84 in Vegesack bei Bremen, Symbol für Aufstieg und Niedergang der Leos. Die Person, die im Mittelpunkt der Familienaufstellung steht, hat hier bis 1993 gelebt: der Großvater Friedrich Leo, dem der Zweite Weltkrieg die Möglichkeit in die Hände spielte, das Männlichkeitsideal seines Vaters zu erfüllen:

„Zunächst war Friedrich ab August 1939 für ein gutes Jahr ein ganz normaler deutscher Mann. Vergleichsweise sympathisch, wie er da zusammen mit anderen Wehrmachtsrekruten die Grundausbildung absolviert, im Frost Wache schiebt und dann sehr sportlich Frankreich überfällt. Aber im Oktober 1940, die Generalität hängt längst mit Gott in Paris ab, hat man in Berlin genug von dieser Humankapitalverschwendung.“

Friedrich Leo stieg durch die Protektion seines Chefs zum „faktisch dritten Mann“ im SS-Rasseamt auf. Will heißen: Er war für die „Ausbildung und Inspektion aller Eignungsprüfer“ verantwortlich, die Zivilisten aus eroberten Gebieten nach rassekundlichen Kriterien gemustert – und ausgemustert haben: „Am 1. April 1942, die Kollegen in Minsk erledigten gerade ihr Tagespensum von 500 Juden, darf Friedrich sich offiziell Abteilungsleiter im Rasseamt des RuSHA-SS nennen.“

Mit solchen aggressiv-laxen Formulierungen macht der Erzähler Per Leo zweierlei klar: Mitläufer sein heißt auch Mörder sein. Und: Er selbst, der Enkel, hat sich von der Vergangenheit des Großvaters befreit. Eine Illusion, wie er als Historiker wohl selbst weiß, aber sie ermöglicht ihm, irritierend lässig, frei vom Pathos der Schuld zu formulieren und äußerst distanziert zu analysieren, wie Friedrich Leo zum Nazi werden konnte und wie sich sein sozialer Abstieg auf die Söhne und Enkel auswirkte.

Die düsteren Geschichten von Vater- und Großvaterfiguren, von Schweigen, Scham und Schuld, die ein ganzes Genre der deutschsprachigen Literatur begründet haben, die sogenannte „Väter-Literatur“, kennt man. Per Leo scheint sein Buch aber mit dem Goethe-Motto im Ohr geschrieben zu haben, mit dem er charakterisiert, wie sein Großonkel Martin, die sensible Gegengestalt zu Friedrich Leo, vom Turm des Vegesacker Elternhauses in die Welt sah: „Nicht um Neues zu entdecken, sondern um das Entdeckte nach meiner Art anzusehen.“

Per Leos Betrachtungs- und Schreibweise richtet sich gegen heuchlerischen Vergangenheitsbewältigungskitsch. Sein Gegengift ist der mal dokumentierende, dann wieder philosophierende Essay, die Verbindung von Brief- und Tagebuchzitaten, von Exkursen zu Eugenik, Protestantismus und Graphologie im Stil des populären Sachbuchs mit psychologischen Analysen der Familienbeziehungen und Zitaten aus der Pop-Kultur seiner eigenen Zeit. Er interpretiert so den Bildungsroman auf moderne und eigene Weise und bevorzugt ein Erzählen, das sichtlich um Zusammenhänge bemüht ist.
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Von Insa Wilke, 18.09.2014

​Insa Wilke ist freie Literaturkritikerin und schreibt u.a. für die Süddeutsche Zeitung, den TAGESSPIEGEL, ZEITonline und Deutschlandfunk. Sie ist Mitglied der Jurys für den Peter-Huchel-Preis sowie den Italo-Svevo-Preis und gehört zum Team der Literatursendung „Gutenbergs Welt“ auf WDR3. 2014 wurde Insa Wilke mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet.