Sparte: Belletristik

Wolfgang Herrndorf
Diesseits des Van-Allen-Gürtels

Buchbesprechung

Um sechs Ecken herum, so heißt es, kennt jeder jeden. In Wolfgang Herrndorfs neuem Erzählband Diesseits des Van-Allen-Gürtels braucht es dafür noch weniger Umwege. Die Protagonisten seiner Erzählungen sind bekannt, befreundet oder sogar verwandt miteinander. In den teilweise auch zeitlich oder inhaltlich verknüpften Geschichten tauchen die meisten von ihnen mehrmals auf; wer in der einen Geschichte ein Nebenrolle hatte, wird in der nächsten zur Hauptfigur und umgekehrt. Das Gefühl eines größeren Zusammenhangs stellt sich zwar ein, täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass man es mit einzelnen Geschichten zu tun hat, die für sich stehen und auch so gelesen werden wollen. Jeder der sechs Texte kreist um etwas ganz Eigenes, das es zu entdecken gilt.

Der Weg des Soldaten erzählt neben einer merkwürdigen Dreiecksbeziehung von einem Kunststudenten, der nach kurzer Zeit sein Studium an den Nagel hängt und sich stattdessen als Autolackierer verdingt. Im Oderbruch spielt ein Kanufahrer, dessen Auto gestohlen wurde, in einem abgelegenen Waldhaus mit einem jungen Mädchen Tischtennis, während er auf die (nicht eintreffende) Polizei wartet. Eher gezwungen als freiwillig amüsieren sich die Mitarbeiter einer Werbeagentur in Herrlich, diese Übersicht auf der Party ihrer Chefin, die Freundschaft und Beruf offenbar nicht mehr auseinander halten kann. In Blume von Tsingtao kappt ein Krankenpfleger alle Verbindungen zur Heimat, begibt sich auf Weltreise und sitzt schließlich wegen mehrfachen Mordes in einem japanischen Gefängnis.

Sehr unterschiedlich sind die Situationen und Begebenheiten, in denen wir Herrndorfs Figuren antreffen. Auch Lebensumfeld, Bildungsniveau und Beruf der Protagonisten (so sie einen haben) sind keineswegs homogen. Dennoch haben die Figuren alle mehr und Wesentlicheres miteinander gemein als ihr Alter (zwischen dreißig und vierzig). Was sie verbindet, ist ihre Haltung zum Leben, ihr Blick auf die Welt. Sie sind, so heißt es an einer Stelle „innerlich unbeteiligt“, sie leben, ohne wirklich Anteil an dem zu nehmen, was um sie herum passiert. Fühlen und Mitfühlen - an beidem herrscht hier Mangel. Das klingt dann so: „Mara hatte die üblichen Klischeekrankheiten wie aufgeschlitzte Unterarme, und ihre Zigaretten drückte sie immer auf den Fingerknöcheln aus, wenn man nicht hinguckte. Aber sonst war sie vollkommen in Ordnung.“

Glücklich ist hier niemand, doch auch ein Ausbruch aus den gewohnten Lebenszusammenhängen bietet, mangels Perspektive, keine Aussicht auf Veränderung: „Ich [...] versuchte, mir meine Zukunft auszumalen. Ein Gefühl vollkommener Leere war alles, was ich hinkriegte.“ Bindungslos, orientierungslos und mitunter auch hilflos bewegen sich die Figuren in einem für sie „sonderbar unverständlichen Universum“.

In der Titelerzählung Diesseits des Van-Allen-Gürtels, mit der Wolfgang Herrndorf 2004 den Publikumspreis beim Klagenfurter Literaturwettbewerb gewann, wird sich der Erzähler seiner eigenen Visionslosigkeit bewusst. Statt zur Party seiner Freundin zu gehen, betrinkt er sich mit einem pubertierenden Jungen auf dem Balkon der Nachbarwohnung. Während der Junge euphorisch von seiner Zukunft träumt – er möchte Astronaut zu werden und zum Mond fliegen – stellt der Erzähler fest, dass er solch hochfahrende Ziele nie hatte:„Ich wollte immer Firmenmitarbeiter werden.“ Nicht ohne eine Spur Sadismus zerstört er daraufhin die Träume des Jungen, indem er ihm erklärt, die Mondlandung habe ausschließlich in Hollywood- Studios stattgefunden.

Sonderlich sympathisch werden sie einem nicht, Herrndorfs Helden. Schlimmer noch: man wird das Unbehagen nicht los, dass Herrndorf, mit dem was er dort beschreibt, so weit weg nicht liegt von der Realität seiner Generation. Er selbst hat mit derlei Zeitdiagnosen allerdings nichts im Sinn. So heißt es in einer der Erzählungen: „Ich lege Wert auf die Feststellung, dass ich damit kein moralisches Urteil verbinde. Ich bin der letzte, in den kulturpessimistischen Choral alter Säcke einzustimmen [...]“

Ganz dicht an der Wirklichkeit will Herrndorf seine Geschichten ansiedeln. Sein Stil ist bewusst kunstlos, seine Dialoge sind dem Alltag abgelauscht. So plakativ, dass man als Leser stutzig wird, tritt dieser Anspruch in der letzten Erzählung mit dem Namen Zentrale Intelligenz Agentur (ZIA) hervor. Herrndorf beschreibt darin die Gründungsveranstaltung jener auch real existierenden Vereinigung, die spätestens seit Kathrin Passig den Bachmann-Preis gewann, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt ist und der Herrndorf selbst als ‚Inoffizieller Mitarbeiter’ angehört. Weiter lässt er – Schauplatz ist ein verwahrlostes Brandenburger Schloss – einige allseits bekannte „notorische Querulanten“ und „Berlin-Mitte-Leute“ aus der Kulturszene auftauchen: karikaturistisch überzeichnet begegnen uns hier Joachim Lottmann, Wiglaf Droste und natürlich Holm Friebe, der Gründer der ZIA. Und wer sich in der Szene ein bisschen auskennt, wird zweifellos noch weitere Gäste identifizieren können. Auch das ein oder andere Fräuleinwunder des Literaturinstituts in Leipzig ist „als Deko“ eingeladen. Das Ganze endet in einem Alkohol- und Drogenexzess, der den eigentlichen Sinn und Zweck der ZIA bis zum Schluss im Dunkeln lässt. Was sich hier vordergründig wie eine Eins-zu-Eins-Wiedergabe der Realität liest, entpuppt sich als treffende Satire auf den derzeitigen Berliner Kulturbetrieb.

Auch wenn die Themen der Erzählungen zum Teil deprimierend sein mögen, das Buch ist es nicht. Im Gegenteil. Herrndorf, der ebenso wie einer seiner Helden an der Akademie in Nürnberg Malerei studiert hat, beobachtet sehr genau und braucht nur wenig Worte, um Menschen und Situationen präzise zu porträtieren. Diese Beschreibungen haben etwas Entlarvendes an sich und sind oft extrem komisch. Die wunderbar lakonische Sprache und ein Handlungsverlauf, der immer wieder unerwartet ins Skurril-Absurde abdriftet, lassen einen beim Lesen immer wieder laut auflachen. So wenn die Ich-Erzählerin in der letzten Geschichte auf dem nächtlichen Dorfplatz auf „vier Glatzen und ein Moped“ stößt, ihnen Songs von Störkraft und Frank Rennicke vorsingt, weil jene nur Eminem kennen, und dafür mit einem Bier beschenkt wird.

Was bleibt? Eine Botschaft hat Herrndorf nicht zu verkünden: „Ich habe keine weiteren Ambitionen, als Sie hinreißend zu unterhalten [...]“ lässt er einen seiner Protagonisten kundtun. Das, so darf man ohne Einschränkung sagen, gelingt auch dem Autor voll und ganz!
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Von Anne Nordmann, 19.01.2007