Sparte: Belletristik

Hans Pleschinski
Königsallee

Roman

Königsallee

Hans Pleschinski ist einer der wenigen lebenden Schriftsteller deutscher Sprache, denen es gelingt, Leser zu unterhalten, ohne sie intellektuell zu unterfordern. Bei dem in München lebenden Autor, der auch als  Herausgeber, Übersetzer und Essayist bekannt ist, verbinden sich  Bildungsanspruch, stilistisches Feingefühl und ein Gespür für soziale Milieus unaufdringlich mit dem sehr humanen Verständnis für das Genuss- und Zerstreuungsbedürfnis seiner Zeitgenossen. Sein jüngster Roman „Königsallee“, eine dokumentarisch inspirierte, aber fiktive Episode aus dem Leben des gealterten Großschriftstellers Thomas Mann, scheint diese Qualitäten in besonderem Maße zu vereinen: Er wurde zu einem außerordentlichen Publikumserfolg und charmierte auch jene Kritiker, denen eine leichthändige, amüsante Prosa sonst eher suspekt vorkommt.

Das ist umso bemerkenswerter, als die Gestalt Thomas Manns mit ihren Marotten, ihren pikanten erotischen Neigungen und ihrem problembeladenen Familienzirkus  den Deutschen um die Jahrtausendwende fast bis zum Überdruss vergegenwärtigt worden war: Biografien, Tagebuch- und Briefeditionen sowie ein Fernseh-Dreiteiler erzeugten eine Mann-Mania, auf die ein deutlicher Rückgang des Interesses folgte. Dass Pleschinski dem Thema noch neue, belebende Facetten abgewinnen konnte, verdankt sich allerdings auch einer glücklichen Fügung: Durch Zufall war der Autor an den Nachlass des 1994 verstorbenen Klaus Heuser gelangt, der in Thomas Manns Privatleben eine bedeutende und literarisch folgenreiche Rolle spielte.

Im Sommer 1927 hatte der Dichter den damals 17-jährigen auf der Insel Sylt kennengelernt und ihn anschließend zu sich nach München eingeladen; es folgte ein Besuch bei Heusers Familie in Düsseldorf. In jener Zeit durfte sich Thomas Mann, wie er später notierte, als „glücklicher Liebhaber“ fühlen. Er widmete dem blonden Jüngling, seiner „letzten Leidenschaft“, den Beginn des „Amphitryon“-Essays und ließ seine Züge in die Hauptfigur der Josephs-Tetralogie eingehen. Im August 1954 vermerkt er in seinem Tagebuch, dass der einstige Geliebte, nunmehr ein Kaufmann in den Vierzigern, nach längerem Ostasien-Aufenthalt in die Heimat zurückkehren werde. Wenig später reist der 79-jährige Nobelpreisträger nach Düsseldorf, um dort aus seinem „Felix Krull“ zu lesen. Heuser wird er bei dieser Gelegenheit nicht begegnen. Hans Pleschinski aber lässt den schönen Klaus, in Begleitung seines indonesischen Lebensgefährten Anwar, zur gleichen Zeit eintreffen und im selben Hotel absteigen. Rund um das Wiedersehen, wie es hätte ablaufen können, arrangiert er seinen Roman, für den er Thomas Manns 1939 erschienenes Epos „Lotte in Weimar“ über die gleichermaßen kühn erfundene Wiederbegegnung zwischen Goethe und seiner Jugendliebe Charlotte Kestner, geborene Buff, als Folie und virtuos parodiertes Vorbild fruchtbar macht.

Was in Weimar der „Elephant“, ist in Düsseldorf der „Breidenbacher Hof“ an der Königsallee. Hier wie dort wird die Nobelherberge zum Schauplatz eines farcenhaft inszenierten Begegnungsreigens in der Umlaufbahn eines reisenden Dichterfürsten. Dabei gelingt Pleschinski ein Genrebild der Adenauer-Ära, wie man es in der deutschen Gegenwartsliteratur noch selten goutieren durfte - ein Cocktail aus pastellfarbenem Wirtschaftswunder-Kolorit und braunem Mief, von boshafter Ironie überglänzt. Zwischen Esprit und karikaturhafter Überzeichnung schillern die Porträts der Nebenfiguren: Die Lieblingstochter Erika Mann erscheint als resolut-egozentrische Leibwächterin ihres Vaters, Sohn Golo als tragisch zerquälter Familien-Hanswurst; der frühe Thomas-Mann-Bewunderer und spätere Bücherverbrenner Ernst Bertram bettelt um Vergebung seiner Sünden. Peinliche Honoratiorenreden, ein ehemaliger Nazi-Feldmarschall unter einem Dach mit dem Emigranten und ein schöner Liftboy namens Armand als Krull-Wiedergänger gehören ebenfalls zu Pleschinskis Pastiche, das zwischen Fakten und Fantasie ein breites Spektrum komödienhafter Konstellationen auffächert. Thomas-Mann-Aficionados können im Entschlüsseln von Anspielungen schwelgen; darüber hinaus aber hat man es hier mit einem retrospektiven Gesellschaftsroman über die junge Bundesrepublik zu tun, der manch trockene Geschichtsstunde ersetzen kann.
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 19.12.2014

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.