Sparte: Belletristik

Norbert Gstrein
Als ich jung war

Roman

Viele Hochzeiten und mehr als ein Todesfall

In der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist der 1961 geborene Österreicher Norbert Gstrein schon seit langer Zeit eine Ausnahmeerscheinung. Gerade aber in den letzten Jahren, in denen plötzlich auch in der Literatur Ambivalenzen als anstößig gelten, zeigt sich, wie bestechend Gstreins Poetik des Uneindeutigen tatsächlich ist: Literatur, das führt Gstrein seinen Lesern auf sprachlich brillante Art und Weise vor Augen, fällt keine Urteile und verkündet keine Meinungen. Vielmehr sind Gstreins Romane, geschrieben in einer melodiösen und eleganten Sprache, ein Ausbund an Differenzierung und Darstellungskraft. Sie zeigen Menschen nicht als Platzhalter von Lebenshaltungen, sondern als Individuen in komplexen biografischen Zusammenhängen.

So war es in Gstreins herausragendem Roman „Eine Ahnung vom Anfang“ aus dem Jahr 2013, in dem ein Lehrer sich rückblickend über sein Verhältnis zu zweien seiner Schüler befragt, von denen einer möglicherweise in einen terroristischen Anschlag verwickelt ist. In „Die kommenden Jahre“ aus dem Jahr 2018 ist es ein Ehepaar, das in der politisch aufgeheizten Atmosphäre in Folge der Flüchtlingskrise mit der Erkenntnis konfrontiert wird, dass Altruismus und Hilfsbereitschaft auch stets ein Spiegel des eigenen Narzissmus sein könnten. Gstrein, der in Hamburg lebt, ist ein Autor der Möglichkeitserkundungen. Die absolute Wahrheit gibt es für ihn nicht. Das gilt auch und erst recht für seinen neuen Roman „Als ich jung war“, der glücklicherweise mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet wurde, nachdem die Jury des Deutschen Buchpreises ihn übersehen hatte.

Die Hauptfigur des Romans heißt Franz und stammt, wie Norbert Gstrein selbst, aus Tirol. Franz‘ Vater führt ein Hotel, das auf die Ausrichtung von großen Hochzeitsfeiern spezialisiert ist. Franz fungiert bei diesen Feiern als Fotograf. Eines Nachts kommt es zu einem Unglücksfall: Man findet eine junge Braut mit gebrochenem Genick am Fuß eines Abhangs auf. Ob ihr Tod ein Unfall war, ein Suizid oder gar ein Mord, das ist eine der leitmotivischen Fragen, die sich in eleganten Schleifen über mehr als ein Jahrzehnt hinweg durch Norbert Gstreins neuen Roman ziehen. Es wird nicht der einzige rätselhafte Todesfall bleiben, in den Franz mehr oder weniger direkt verwickelt ist. Kurz darauf bricht Franz, zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt, in die USA auf, arbeitet als Skilehrer in den Rocky Mountains und kehrt 13 Jahre später zurück nach Tirol, wo der Bruder mittlerweile den Gastronomiebetrieb übernommen hat.

So könnte es gewesen sein, aber eben auch ganz anders. Denn Franz selbst, der gescheitert und mittellos in die Heimat zurückkehrt, bleibt als Erzählinstanz ebenso undurchschaubar wie unzuverlässig. Der innere Motor, der Gstreins auf eine unheimliche Weise gelungenes Buch antreibt, ist eine dunkle Sexualität; ein Gemisch aus Scham und Tabuverletzungen. Damit verbunden sind Erfahrungen von Demütigung, Grenzüberschreitungen und eine Nebelwand aus Gerüchten, Bezichtigungen und Verdächtigungen. Da ist Sarah, ein Mädchen, mit dem Franz während einer der Hochzeitsfeiern auf den Berg gegangen ist und die als diffuses Sehnsuchtswesen durch den Roman geistert. Hat Franz sie gegen ihren Willen geküsst? Oder gar Schlimmeres? Wusste er wirklich nicht, dass sie zu diesem Zeitpunkt erst 13 Jahre alt war?

Da ist Professor Moravec, ein aus Tschechien emigrierter Raketenforscher, zu dessen Vertrautem und Skilehrer Franz in den USA wird. War das geradezu manische Interesse des Professors an einer Serie unaufgeklärter Vermisstenfälle von jungen Mädchen mehr als nur ein Tick? Auch das wird nicht zu klären sein, denn Moravec bringt sich selbst gleich zu Beginn des Romans auf spektakuläre Weise um. In einem Nebensatz wiederum erzählt Franz von eigenen Missbrauchserfahrungen während seiner Internatszeit, die ihn selbst zu einem Beschädigten haben werden lassen. Und schließlich: War Franz selbst tatsächlich in jener Nacht vor dreizehn Jahren, in der die Braut starb, unterwegs, gar in der Nähe des Abgrunds, wie ein sinistrer Polizist, befeuert von Spekulationen, Franz unterstellt?

Wo der öffentliche Diskurs vorgibt, Eindeutigkeit herstellen zu können und zugleich in einen Anklagemodus umschaltet, löst Norbert Gstrein vermeintliche moralische Überlegenheit in literarischer Genauigkeit auf. Es gibt kaum einen Autor, der so treffsicher in jene Zwischenräume vorzustoßen vermag, in denen Menschen sich ihrer selbst ungewiss werden. Das Unbehagen, das die Lektüre dieses Romans erzeugt, hat nichts Raunendes. Was Gstrein antreibt, ist die Frage, wieviel ein Mensch über sich, über die eigenen Abgründe und über die der anderen wissen kann. In der nicht eben sympathischen Franz-Figur scheint eine Sehnsucht nach Selbstauslöschung und Selbstüberschreibung auf.

„Als ich jung war“, so schreibt Franz gleich zu Beginn, „glaubte ich an fast alles, und später an fast gar nichts mehr, und irgendwann in dieser Zeit dürfte mir der Glaube, dürfte mir das Glauben abhanden gekommen sein.“ Der Text, den wir vor uns haben, ist der Versuch einer Selbstrettung. Dass es dabei keine Sicherheiten gibt, versteht sich von selbst. Norbert Gstrein bei diesem Projekt, das ein Lebensprojekt ist, lesend zu begleiten, ist ein düsteres Vergnügen.
Christoph Schröder

Von Christoph Schröder, 14.01.2020

​Christoph Schröder, lebt als freier Autor (Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Die Zeit) in Frankfurt am Main und ist Dozent für Literaturkritik an der dortigen Universität.