Sparte: Belletristik

Tom Schulz
Reisewarnung für Länder Meere Eisberge

Gedichte

Entzauberte Paradiese

Unter den deutschsprachigen Lyrikern der mittleren Generation gehört Tom Schulz, 1970 in der Oberlausitz geboren und in Ostberlin aufgewachsen, zu jenen, die das erzählende Dichten der experimentellen Poesie vorziehen. Das lässt seine lyrischen Arbeiten für die Übersetzung besonders geeignet erscheinen, obwohl sie an den, der sie in ein anderes Idiom überträgt, immer noch genügend sprachschöpferische Anforderungen stellen. Schulz, der selbst als Lyrik-Übersetzer tätig ist, schreibt regelmäßig auch Reisereportagen: Sie wirken nicht selten wie eine Prosavariante seiner Gedicht-Erzählungen, in denen er, neben seiner Kindheit in der DDR und verschiedenen Aspekten der deutsch-deutschen Wirklichkeit, immer wieder seine Erkundungsfahrten in Europa und auf dem gesamten Globus verarbeitet hat.

Sein jüngster Band „Reisewarnung für Länder Meere Eisberge“ führt den Leser unter anderem in mehrere südeuropäische Länder und auf den amerikanischen Kontinent, aber der Titel kündigt schon an, dass es sich hier nicht um Reiselyrik im traditionellen Sinn oder gar um poetische Erlebnis-Empfehlungen handelt: Der Dichter stellt vielmehr seinen Status als „Passagier zwischen den Paradiesen“ selbstkritisch in Frage, und er lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was unsere sich ständig beschleunigende globale Mobilität der Erde und ihren einst so zahlreichen paradiesischen Gegenden antut. Immer rarer und kostbarer werden die Momente, in denen sich über exotische oder geschichtsträchtige Orte noch in lyrischer Verdichtung sprechen lässt; immer mehr politischer und ökologischer Zündstoff drängt sich in die Wahrnehmung und verlangt nach angemessenen Wortfindungen. Tom Schulz reflektiert das sehr bewusst, und so strebt er nicht etwa nach ästhetischer Neutralität, sondern scheut vor klaren Stellungnahmen und sarkastischen Zuspitzungen nicht zurück. Dass auch daraus wieder poetische Schönheit entsteht, verdankt sich der Sinnlichkeit seiner Bilder und seiner einfallsreichen, doch nie hermetisch verrätselten Sprache.

In frei rhythmisierten Strophen- oder Langgedichten, zuweilen auch in pointierter Kurzprosa, erzählt Tom Schulz vom Fliegen, von wundersamen Quallen an vermüllten Stränden, von portugiesischen Beinhäusern und vom Hundeleben im Moloch Buenos Aires. Er schildert einen Tag im sizilianischen Siracusa und seine Eindrücke von einem dreimonatigen Venedig-Aufenthalt: Zwei Traumziele werden entzaubert und behalten dabei doch ihre Magie. Der Lyriker besucht Plantagenarbeiter auf der spanischen Insel La Palma, besichtigt aber auch ostdeutsche Landschaften im Würgegriff des kapitalistischen Fortschritts und unternimmt eine ironische Exkursion ins Schwarzwald-Idyll des Philosophen Martin Heidegger: Als Deutschland-Satiriker ist Schulz eine veritable Entdeckung.

Eines der eindrucksvollsten Kapitel des Bandes führt auf die griechische Insel Leros, wo Tom Schulz nach Spuren des Dichters und Widerstandskämpfers Jannis Ritsos sucht, dem er sich nicht nur literarisch, sondern auch politisch verbunden fühlt. 1968-69 war Ristos dort interniert, von 1947 bis in die Achtzigerjahre war die Insel ein berüchtigter Ort der „Umerziehung“ und der Verbannung von psychisch Kranken. Heute herrscht Schweigen. Und Tourismus. Tom Schulz setzt mit zwölf Gedichten der archaischen Landschaft und der unbewältigten Geschichte von Leros ein Denkmal, das tief berührt.
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 09.06.2020

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.