Sparte: Belletristik

Lutz Seiler
Stern 111

Roman

Die Wende als Vision

Lange wartete man in Deutschland auf „das“ Wende-Epos, die definitive und repräsentative literarische Verarbeitung des großen Themas der deutsch-deutschen Vereinigung. Allmählich aber festigte sich die Erkenntnis, dass es ein derartiges Opus maximum wohl nicht geben würde, dass vielmehr eine Reihe von Romanschriftsteller*innen im Laufe der Jahre diesen Stoff in seinen verschiedenen Facetten beleuchten und, je nach ihrem erzählerischen Vermögen, zum Leuchten bringen würden.

In jüngster Zeit schien das Sujet sogar in den Hintergrund zu rücken – bis der 30. Jahrestag des Vereinigungsdatums eine Neubelebung nahelegte. Lutz Seiler, 1963 im thüringischen Gera geboren, war nicht der einzige Autor, der darauf reagierte, aber sein Roman „Stern 111“ hebt sich von den Konkurrenten durch eine poetische Strahlkraft ab, die dem Titel in jeder Weise gerecht zu werden scheint. Und doch verbirgt sich dahinter nur ein Radio, ein Koffergerät, mit dem sich im Thüringen der Sechzigerjahre schon die große weite Welt empfangen ließ und das dadurch zu einer Chiffre der Verheißung wurde. 

Lutz Seiler hatte sich als Lyriker und Erzähler bereits hohe Anerkennung erworben, als er mit seinem ersten Roman  „Kruso“ im Jahr 2014 den Deutschen Buchpreis gewann. Mehr noch als bei jenem Debüt lässt er bei seinem neuen Werk autobiografische Elemente einfließen und nutzt die Kraft des Authentischen, den Bilderreichtum und die sinnliche Präsenz seiner Erinnerungen, um die Lebendigkeit der Fiktion zu steigern. Vor allem aber lenkt er den Blick auf eine Seite des Wende-Geschehens, die bislang  noch keinen Weg in die Literatur gefunden hatte: Die kurze Phase des Übergangs von einem Gesellschaftssystem ins andere erlebt der Held Carl Bischoff, gelernter Maurer, Ex-Soldat, Studienunterbrecher und werdender Poet, als einen Zeitkorridor voller Chancen und Risiken, abenteuerlicher Experimente und utopischer Visionen. Zwar müssen sie alle an der starren Realität der neu-alten Verhältnisse scheitern, aber am Ende steht die Geburt eines Dichters, der unschwer als Lutz Seiler zu erkennen ist.

Es  beginnt mit der Überraschung, dass Carls Eltern,  unauffällige Eheleute aus der thüringischen Provinz, sich kurzentschlossen auf den Weg nach Westen machen, um dort einen Neubeginn zu wagen. Ihr Sohn, den gerade eine Sinn- und Existenzkrise beutelt, soll sich in Gera um Haus, Auto und Werkstatt kümmern. Doch schon bald entscheidet auch er sich für den Aufbruch und landet in der Underground-Szene Ost-Berlins, wo er Kontakt zu einem „klugen Rudel“ von Außenseitern findet, die alternative Lebens- und Wirtschaftsformen erproben. In diesem leicht skurrilen Milieu entfaltet Lutz Seiler in geradezu romantischer Manier einen Spielraum für frei schweifende Fantasien und legt darunter ein kunstvolles Geflecht literarischer Subtexte und Verweise. Geerdet aber wird das Ganze immer wieder durch die zeittypische Dingwelt, die der Autor in aller Ruhe und mit höchster Anschaulichkeit vorführt und zu der auch das titelgebende Radio gehört. „Stern 111“,  mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet,  ist nicht zuletzt eine Hommage an das Handwerk und an das sich verabschiedende Zeitalter der Mechanik.

Lutz Seiler, in jungen Jahren zum Baufacharbeiter ausgebildet, ist auch als Schriftsteller ein exzellenter Handwerker geblieben. Was ihm hier an Epochenverdichtung, sprachlicher Eleganz und hintergründiger politischer Aussage gelungen ist, darf man getrost als Meisterstück bezeichnen. Und sollte dieser Roman einst doch noch als das ultimative Wende-Epos in die Literaturgeschichte eingehen – er hätte es verdient.
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 25.09.2020

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.