Marius Goldhorn Die Prozesse
- Kiepenheuer & Witsch Verlag
- Köln 2025
- ISBN 978-3-462-00780-0
- 288 Seiten
- Verlagskontakt
Für diesen Titel bieten wir eine Übersetzungsförderung ins Polnische (2025 - 2027) an.
Postapokalypse und Pop-Melancholie: Marius Goldhorns literarische Vermessung einer Welt im Ausnahmezustand
In „Die Prozesse“ verbindet Goldhorn eine pop-melancholische Liebesgeschichte mit KI-Spekulationen, Klima-Apokalypse und Gesellschaftsutopie: „Wir konnten nicht schlafen. Ezra und ich verließen unser Hotelzimmer im Morgengrauen. Wir trafen niemanden.“ So gleichzeitig heimelig wie unheimlich eröffnet der postapokalyptische “Prozesse”-Roman im Spätsommer des Jahres 2030, den Ich-Erzähler und seinen Partner vorstellend, die gemeinsam in Molenbeek wohnen, jenem Brüsseler Stadtteil, der in den 2010er Jahren als Wohnort islamistischer Terroristen bekanntgeworden ist. Der namenlose 29-jährige Erzähler und sein „über sieben Jahre“ älterer Freund hausen in einer Einraumwohnung mit der Hochhausnummer N8, was man poetisch zusammengezogen ebenso als „Nacht“ lesen kann. „Nachts saß ich in N8, die Füße auf der Fensterbank, und hörte mit Kopfhörern das Besetzer-Radio. Ich stand auf, stellte mich ans Bett und sah Ezra beim Schlafen zu.“
In den südlichen, mehr und mehr verdorrenden Ländern ist das tropische Dengue-Fieber ausgebrochen. In Metropolen brennen die Barrikaden. Die Oberschicht hat sich wie in Boccaccios Pest-Reigen „Decamerone“ auf abseits gelegene Latifundien oder in „Gated Communities“ zurückgezogen. Aus dieser verheerten Realität ist das schwule Liebespaar ins Digitale migriert: Sie blicken tagsüber in Computer- und Smartphone-Displays, spiegeln sich im Glas, so wie Narcissus sich in Ovids „Metamorphosen“ auf der Wasseroberfläche spiegelte, die Welt um sich herum vergessend.
Der Erzähler dieses irrlichternden Romans arbeitet als Artificial-Intelligence-Designer, sein älterer Freund Ezra befüllt einen Zeitgeistblog, hat sich den vielsagen Online-Namen Deborn gegeben und sich nach einem Psychiatrieaufenthalt den „Angelus Novus“ als Profilbild ausgesucht, abgebildet in jenem von Paul Klee gestalteten Aquarell, über das Walter Benjamin einst geschrieben hat: “Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. (…) Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert.“
Ezra schreibt – Walter Benjamins dystopischer Geschichtsauffassung folgend – in seinem Blog über Bäume in zerbombten Landstrichen, über das Buch Jesaja, „über die OPV-HIV-Theorie, über die Herrschaft der Gene, über das Klonen“, Depressionen, den Krieg „und die große Kriegsdichtung von heute“. Für ihn sind das alles Zeichen des Aussterbens, des menschlichen Exodus’.
Marius Goldhorns “Die Prozesse” erzählt über die Dauer eines knappen Jahres, wie dieses schwule Liebespaar von Brüssel aus über Ostende nach Ligurien reist – auf der Suche nach einem heilenden Ort. Denn Ezra wird schwerkrank, zum siechenden Gefährten, belastet durch eine genetisch bedingte, irreparable Funktionsstörung seiner Haut, die tatsächlich existierende „Schmetterlingskrankheit“. Der Erzähler wird zum Palliativpfleger seines Liebhabers, auf dieser Flucht nach Ligurien, wo das Paar endlich von einer Bekannten aufgenommen wird, die ein Refugium bewohnt – auch dies Topos vieler postapokalyptischer Erzählungen, dieser unwahrscheinliche, von der Katastrophe vorerst verschonte safe space. “Das ist ein Zufluchtsort, dachte ich, ein Versteck. Ein großer Kaktus wuchs an einer Hauswand bis zum Dach.”
Marius Goldhorn ist einer jener jungen deutschsprachigen Schriftsteller, die über neue Formen des Zusammenlebens nachdenken, über zukünftige Schutzorte, über die Position des Menschen angesichts Künstlicher Intelligenz und jener „war machines“, über die bereits Gilles Deleuze und Félix Guattari in der epochemachenden „Tausend Plateaus“-Studie von 1980 nachgedacht haben. Eingebettet in die uralte Form der Heldenreise spekuliert dieser beeindruckende Roman über die nähere Zukunft von uns allen. Marius Goldhorn verbindet einen poetischen Stil mit ganz prosaischer Zukunftsforschung, auf diese Weise selbst mit weit aufgerissenen Augen die Monstrosität der menschlichen Geschichte an sich betrachtend als „eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert.“
Von Jan Drees
Jan Drees ist Literaturredakteur im Deutschlandfunk und Moderator der Sendung „Büchermarkt“. Er ist im Kritikerteam der 3sat-Sendung „Kulturzeit“, Mitglied verschiedener Jurys und Autor von Romanen und Sachbüchern wie „Staring at the Sun“ (2000), „Letzte Tage, jetzt“ (2011) „Sandbergs Liebe“ (2019) und „Literatur der Krise: Das Novellen-Werk von Hartmut Lange“ (2022). Jan Drees betreibt den Blog lesenmitlinks.de.
Inhaltsangabe des Verlags
In hypnotischen Sätzen führt Marius Goldhorn zwei taumelnde Männer durch einen erschütterten Kontinent, zerrissen zwischen seiner Vergangenheit, seinen Verbrechen und der Sehnsucht nach Aufbruch. »Die Prozesse« ist eine aufwühlende Geschichte über Liebe, Schuld und Unschuld – und ein Roman von rätselhafter Klarheit.
Brüssel im Spätsommer 2030, die Stadt ist in Aufruhr. Die Peripherie, die Marktplätze, Museen und Boulevards, überall kommen Menschen zusammen, protestieren und feiern, unerwartete Gemeinschaften entstehen, alte Ordnungen zerfallen.
Der Erzähler und sein Partner Ezra machen Urlaub in Ostende. Bei ihrer Rückkehr nach Brüssel werden sie von den Ereignissen mitgerissen, die bald auch ihre Beziehung auf eine harte Probe stellen.
Als Ezra, der einen politischen Blog betreibt, Opfer eines Anschlags wird, verlassen sie Brüssel und machen sich auf den Weg nach Norditalien. Auf dem entlegenen Hof einer mysteriösen Gärtnerin wollen sie zur Ruhe kommen. Doch ihr Rückzug wird zur surrealen Höllenfahrt – zu einer schicksalhaften Reise durch die Welt der Toten und Geister.
(Text: Kiepenheuer & Witsch Verlag)
