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Postapokalypse und Pop-Melancholie: Marius Goldhorns literarische Vermessung einer Welt im Ausnahmezustand

„Seitdem die Welt untergeht, sieht alles besser aus.“ Vor fünf Jahren schrieb sich Marius Goldhorns erstaunliches „Park“-Debüt ins Herz der katastrophenverehrenden Gen-Z, ebenso zufällig wie passend im ersten Corona-Pandemiesommer platziert.  „gehen wir zusammen in den lockdown? / ich packe meine sachen“, dichtete Goldhorn im März 2020, blitzschnell die Ausnahmesituation erfassend im rasch, quasi parallel zu „Park“ publizierten Lyrikband „Yin“. Goldhorn wurde Stimme eines literarischen Generationenchors, der inzwischen Mitglieder wie Juan S. Guse, Ariane Koch, Ozan Zakariya Keskinkılıç oder auch Joshua Groß aufgenommen hat – allesamt Autorinnen und Autoren, die literarisch über ihr Unbehagen an den gegenwärtigen Verhältnissen nachdenken und Gegenutopien gestalten.

In „Die Prozesse“ verbindet Goldhorn eine pop-melancholische Liebesgeschichte mit KI-Spekulationen, Klima-Apokalypse und Gesellschaftsutopie: „Wir konnten nicht schlafen. Ezra und ich verließen unser Hotelzimmer im Morgengrauen. Wir trafen niemanden.“ So gleichzeitig heimelig wie unheimlich eröffnet der postapokalyptische “Prozesse”-Roman im Spätsommer des Jahres 2030, den Ich-Erzähler und seinen Partner vorstellend, die gemeinsam in Molenbeek wohnen, jenem Brüsseler Stadtteil, der in den 2010er Jahren als Wohnort islamistischer Terroristen bekanntgeworden ist. Der namenlose 29-jährige Erzähler und sein „über sieben Jahre“ älterer Freund hausen in einer Einraumwohnung mit der Hochhausnummer N8, was man poetisch zusammengezogen ebenso als „Nacht“ lesen kann. „Nachts saß ich in N8, die Füße auf der Fensterbank, und hörte mit Kopfhörern das Besetzer-Radio. Ich stand auf, stellte mich ans Bett und sah Ezra beim Schlafen zu.“

In den südlichen, mehr und mehr verdorrenden Ländern ist das tropische Dengue-Fieber ausgebrochen. In Metropolen brennen die Barrikaden. Die Oberschicht hat sich wie in Boccaccios Pest-Reigen „Decamerone“ auf abseits gelegene Latifundien oder in „Gated Communities“ zurückgezogen. Aus dieser verheerten Realität ist das schwule Liebespaar ins Digitale migriert: Sie blicken tagsüber in Computer- und Smartphone-Displays, spiegeln sich im Glas, so wie Narcissus sich in Ovids „Metamorphosen“ auf der Wasseroberfläche spiegelte, die Welt um sich herum vergessend.

Der Erzähler dieses irrlichternden Romans arbeitet als Artificial-Intelligence-Designer, sein älterer Freund Ezra befüllt einen Zeitgeistblog, hat sich den vielsagen Online-Namen Deborn gegeben und sich nach einem Psychiatrieaufenthalt den „Angelus Novus“ als Profilbild ausgesucht, abgebildet in jenem von Paul Klee gestalteten Aquarell, über das Walter Benjamin einst geschrieben hat: “Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. (…) Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert.“

Ezra schreibt – Walter Benjamins dystopischer Geschichtsauffassung folgend – in seinem Blog über Bäume in zerbombten Landstrichen, über das Buch Jesaja, „über die OPV-HIV-Theorie, über die Herrschaft der Gene, über das Klonen“, Depressionen, den Krieg „und die große Kriegsdichtung von heute“. Für ihn sind das alles Zeichen des Aussterbens, des menschlichen Exodus’.

Marius Goldhorns “Die Prozesse” erzählt über die Dauer eines knappen Jahres, wie dieses schwule Liebespaar von Brüssel aus über Ostende nach Ligurien reist – auf der Suche nach einem heilenden Ort. Denn Ezra wird schwerkrank, zum siechenden Gefährten, belastet durch eine genetisch bedingte, irreparable Funktionsstörung seiner Haut, die tatsächlich existierende „Schmetterlingskrankheit“. Der Erzähler wird zum Palliativpfleger seines Liebhabers, auf dieser Flucht nach Ligurien, wo das Paar endlich von einer Bekannten aufgenommen wird, die ein Refugium bewohnt – auch dies Topos vieler postapokalyptischer Erzählungen, dieser unwahrscheinliche, von der Katastrophe vorerst verschonte safe space. “Das ist ein Zufluchtsort, dachte ich, ein Versteck. Ein großer Kaktus wuchs an einer Hauswand bis zum Dach.”

Marius Goldhorn ist einer jener jungen deutschsprachigen Schriftsteller, die über neue Formen des Zusammenlebens nachdenken, über zukünftige Schutzorte, über die Position des Menschen angesichts Künstlicher Intelligenz und jener „war machines“, über die bereits Gilles Deleuze und Félix Guattari in der epochemachenden „Tausend Plateaus“-Studie von 1980 nachgedacht haben. Eingebettet in die uralte Form der Heldenreise spekuliert dieser beeindruckende Roman über die nähere Zukunft von uns allen. Marius Goldhorn verbindet einen poetischen Stil mit ganz prosaischer Zukunftsforschung, auf diese Weise selbst mit weit aufgerissenen Augen die Monstrosität der menschlichen Geschichte an sich betrachtend als „eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert.“
Buchcover Die Prozesse

Von Jan Drees

Jan Drees ist Literaturredakteur im Deutschlandfunk und Moderator der Sendung „Büchermarkt“. Er ist im Kritikerteam der 3sat-Sendung „Kulturzeit“, Mitglied verschiedener Jurys und Autor von Romanen und Sachbüchern wie „Staring at the Sun“ (2000), „Letzte Tage, jetzt“ (2011) „Sandbergs Liebe“ (2019) und „Literatur der Krise: Das Novellen-Werk von Hartmut Lange“ (2022). Jan Drees betreibt den Blog lesenmitlinks.de.