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Buchcover Paranoia in Hollywood

Jan Jekal Paranoia in Hollywood

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Zwischen Freiheit und Verdacht: Wie der amerikanische Antikommunismus deutsche Exilanten aus Hollywood vertrieb

Er wolle nicht in diesem „seelenlosen Boden“ ruhen, dem er nichts verdanke, und der nichts von ihm wisse, schrieb Thomas Mann kurz vor seinem Wegzug aus dem langjährigen kalifornischen Exil in die Schweiz, wo er nur drei Jahre später, nämlich 1955, verstarb. Ein Knüller aus dem Mund des damals berühmtesten deutschen Oppositionellen, der 1938 mit offenen Armen in Amerika empfangen wurde. Man hatte ihm sogar die amerikanische Staatsbürgerschaft gegeben. Was hatte den Repräsentanten des „guten Deutschland“ plötzlich gegen seine Gastgeber aufgebracht?

Der 1993 geborene Filmkritiker Jan Jekal beantwortet diese Frage in seinem materialreichen Sachbuch über deutsche Exilanten in Hollywood mit dem aufkommenden Antikommunismus. Der hatte nach dem Ende des Kriegs ein paranoides Klima im Land erzeugt. Die Hexenjagd auf Kommunisten, flankiert vom FBI-Mann Edgar Hoover und vom hysterisierten Senator McCarthy, brachte viele Opfer des Nationalsozialismus zum zweiten Mal in politische Bedrängnis. Erst hatte man ihnen den Wideraufbau ihres durch Krieg und Holocaust zerstörten Lebens großzügig gewährt. Dann entzog man zumindest jenen Antifaschisten das Vertrauen, die nicht alle Ideen des russischen Antagonisten verkehrt fanden.

Nicht nur Thomas Mann musste erleben, wie er mit seiner Kritik an der aggressiven Verdachtspolitik Amerikas, vom Helden zur persona non grata abstieg. Seine Tochter Erika galt den Behörden schon lange als „conceiled communist“. Viele andere Autoren, Regisseure, Drehbuchautoren oder Schauspieler mussten das Land nach Jahren des Exils und einer teilweise glänzenden Karriere in der Traumfabrik Hollywood wieder verlassen. Darunter vor allem diejenigen, denen Sympathien mit dem Kommunismus oder gar eine frühere Mitgliedschaft in einer kommunistischen Partei unterstellt wurde durch die energischen Aktivitäten des „House Un-American Activities Committee“, des Hauses für unamerikanische Umtriebe.

Im Frühjahr 1949 veröffentlichte das Life-Magazin eine Liste von fünfzig „nützlichen Idioten und Mitläufern“, die den Kommunismus in Amerika propagiert haben sollen. Die Liste ist in Jekals Buch abgebildet und aus zwei Gründen erschütternd. Zum einen, weil die kleinen Fotografien über den Namen wie Steckbriefe von Schwerverbrechern aussehen. Zum anderen, weil sich lauter Berühmtheiten unter diesen Köpfen finden: Arthur Miller, Charlie Chaplin, Albert Einstein, Leonard Bernstein und Thomas Mann sind die in Deutschland bekanntesten. Keiner ist durch kommunistische Unterwanderungsversuche in die Geschichte eingegangen.

Anlass der inkriminierenden Liste ist eine Konferenz, bei der Künstler und Wissenschaftler in New York für ein Ende des Kalten Krieges werben. Die fünfzig Steckbriefe, schreibt Jekal, konnten als „Schwarze Liste“ verstanden werden und als Signal: „Wer diese Leute beschäftigt, stärkt Elemente, die das amerikanische System stürzen wollen. Wer diese Leute irgendwie unterstützt, macht sich mitschuldig.“

Die Botschaft kommt an in Hollywood. 1949, im Gründungsjahr der Bundesrepublik, stellt sich für eine ganze Reihe von Emigranten die Frage nach einer Rückkehr nach Europa. Denn in Hollywood gilt jetzt: Wer vom „Haus für unamerikanische Umtriebe“ auf die Watchlist gesetzt worden ist, bekommt keine Jobs mehr. Ein Klima der Angst vor erneutem Berufsverbot – viele Hollywood-Protagonisten waren jüdisch –, vor Denunziation und der Feigheit einer Branche, die in erster Linie Geld verdienen will, macht sich breit. Manche, wie der Drehbuchautor Dalton Trumbo, arbeiteten weiter, weil ein anderer, unverdächtiger Autor, sich freundlicherweise als Urheber ihrer Werke ausgab. Aber auch Stars wie Fritz Lang, Marlene Dietrich oder Billy Wilder, der seine Familie in den deutschen Lagern verloren hatte, bekamen für einige Jahre keinen Fuß mehr in die Tür. Oder nur schwer. Ihnen zumindest, ging es finanziell gut.

Andere, wie die einst berühmte Drehbuchautorin Salka Viertel, hatten es schlechter. Sie konnte ihre „Kolonie der Entwurzelten“, wie Jekal ihren berühmten Sonntagssalon in Santa Monica nennt, am Ende nicht mehr unterhalten. Dort, wo man die Garbo einst auf einem Canapé lungern sah, während Adorno das Multitalent Charly Chaplin am Klavier begleitete, wurden jetzt Fremdenzimmer vermietet. Als die Aufträge der einstigen Unterstützerin mittelloser Neuankömmlinge in Kalifornien ganz ausblieben, gab Viertel Schauspielunterricht. Sie vereinsamte zusehends. Ein Großteil ihrer Bekannten wie Ernst Lubitsch und Arnold Schönberg waren tot. So streicht auch Salka Viertel, vom FBI jahrelang abgehört, die Segel, wobei sie feststellt, dass die Post-Roosevelt-Administration sie nicht nur daran hindert, in Amerika ein Leben in Würde zu führen, sondern auch daran, das Land auf legalem Weg zu verlassen. Das gelingt Viertel tatsächlich erst 1953 mithilfe eines Anwalts, den Greta Garbo ihr vermittelt hat.

Brecht und der Avantgarde-Komponist Hans Eisler waren schon 1947 beziehungsweise 1949 zurück nach Deutschland gegangen. Eisler sollte als Komponist der Nationalhymne der DDR in die Geschichte eingehen. Brecht verbrachte zusammen mit Helene Weigel seine besten beruflichen Jahre am berühmten Berliner Ensemble. In Amerika hatte er, der anders als Thomas Mann, nie richtig englisch gelernt hatte, nur einen einzigen Film gedreht: zusammen mit Fritz Lang den antifaschistischen Film „Hangmen Also Die!“ Adorno, der Amerika 1949 verließ, veröffentlichte 1950 seine berühmte Studie „The Authoritarian Personality“ noch in den USA. Jekal schreibt, der US-amerikanische Antikommunismus wird hier genauso wie der europäische Faschismus als „autoritäres Massenereignis“ behandelt.

Damit war es 1954 schneller vorbei als gedacht, denn der Kommunistenhasser McCarthy hatte den Bogen überspannt und sogar im amerikanischen Militär und unter Republikanern nach Spionen gesucht. Das brachte die Sache zum Platzen. Die Stimmung unter den Emigranten war da aber bereits im Keller, die meisten wieder in Europa, wo sie sich mit einer Nachkriegsgesellschaft herumschlagen mussten, die von nichts etwas gewusst haben wollte: ein Deutschland ohne Nazis.

Jan Jekal lässt in einem Verfahren, das an Montagetechniken des Kinos denken lässt, Szenen, Anekdoten, Archivmaterialien, auf Werkentstehungsexkurse folgen. Das liest sich packend wie ein Hollywood-Film voller Drama und hinterlässt angesichts eines neuen Klimas der Repression in den USA einen bitteren Beigeschmack. Denn das alles ist zwar Geschichte. Aber ein Blick auf die Trump-Administration zeigt: Ein neuer Kampf gegen alles „Unamerikanische“ hat längst begonnen. Und wieder zeigen sich europäische Demokraten enttäuscht von einer Nation, deren starkes Kreuz die vielen Nachkriegsjahrzehnte hindurch verlässlich Schutz vor den Feinden der Freiheit geboten hat.
 
Buchcover Paranoia in Hollywood

Von Katharina Teutsch

​Katharina Teutsch ist Journalistin und Kritikerin und schreibt unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, den Tagesspiegel, die Zeit, das PhilosophieMagazin und Deutschlandradio Kultur.