Anna Maschik Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
- Luchterhand Literaturverlag
- München 2025
- ISBN 978-3-630-87814-0
- 240 Seiten
- Verlagskontakt
Für diesen Titel bieten wir eine Übersetzungsförderung ins Polnische (2025 - 2027) an.
Magische Familienchronik
Geschickt ruft Anna Maschik in ihrem kurzen Prolog die Motive auf, die ihren schmalen, aber hochintensiven und vor allem klug konstruierten Roman durchziehen: Krieg und Weiblichkeit, Tod und Vergänglichkeit, vor allem aber der scharfe, sezierende Blick auf Körper. Und wer den Verdacht hegt, dass sich Maschik mit den Themen Nationalsozialismus (der als solcher nie benannt wird) und ländlicher Raum auf literarisch ausreichend beackertes Gelände begibt, mag recht haben. Die Art und Weise, wie Maschik ihre Geschichte erzählt, ist jedoch unkonventionell und überraschend. Ausgehend von der im Jahr 1900 geborenen Henrike und vom Schauplatz eines norddeutschen Dorfes entspinnt Maschik die Lebensläufe der drei darauf folgenden Generationen von Frauen. Männer gibt es – naturgemäß – auch, doch ins Licht der Geschichte treten sie immer erst dann, wenn sie einer der Protagonistinnen begegnen. Eine Familienchronik aus weiblicher Perspektive. Rekonstruiert wird diese Chronik von Alma, der allwissenden Erzählerin und Henrikes Urenkelin. „Meine Erzählung ist eine Eingeweideschau“, sagt sie gleich zu Beginn. Anna Maschik hat in einem Interview dazu gesagt, ein Blick in eine Familiengeschichte sei „eine blutige und intime Angelegenheit. Wir sehen die Organe, die uns am Leben erhalten, vermutlich graut uns aber auch. Zum anderen ist das Erzählen einer Familiengeschichte eine Art umgekehrte Wahrsagerei. Wir deuten Zeichen in der Gegenwart, nicht um vorauszusagen, was in der Zukunft passieren wird, sondern was in der Vergangenheit passiert ist. Dabei wissen wir von der Vergangenheit fast genauso wenig wie von der Zukunft.“
Darum ist nichts von dem, was wir in diesem Roman lesen, verlässlich. Es bleibt fragmentarisch, bruchstückhaft, und doch ergeben sich auf den gerade mal 240 Seiten Kontinuitäten und Erkenntnisse. Zum Beispiel die, dass es unmöglich ist, sich von Prägungen zu lösen. Jede Frauengeneration, angefangen bei Henrike, fortgesetzt bei deren Tochter Hilde bis hin zu Almas Mutter Miriam, nimmt die Mutterrolle zunächst zögernd an. Und jede denkt, sie werde ihr Leben anders gestalten als das der vorigen Generation – um letztendlich dann doch in bekannten Mustern zu landen. Von Norddeutschland verlagert sich das Geschehen nach Wien: Hilde, die Großmutter der Erzählerin Alma, hat im Krieg einen österreichischen Soldaten kennengelernt, von dem sie ein Kind erwartet und dem sie nach dem Krieg in eine unglückliche Ehe in einer Wiener Fabrikantenfamilie folgt.
Anna Maschiks Buch ist keine streng realistische Erzählung, sondern ein Buch in der Tradition des südamerikanischen magischen Realismus: Hildes Bruder Benedikt liegt mehr als ein Jahrzehnt lang, besungen von den Liedern der Mutter, in einem tiefen Schlaf, bevor er eines Tages aufsteht und am Leben teilnimmt, als sei nichts geschehen. Eine Hebamme und eine Totenfrau geistern als nicht alternde Konstanten durch die Jahrzehnte und begleiten die Figuren beim Gebären und Sterben. Anna Maschiks Welt ist mythisch aufgeladen und konkret zugleich. Maschik findet starke, prägnante Bilder, entwirft einprägsame Szenen und hat ihre heterogenen Stilelemente, darunter auch immer wieder in den Text eingestreute Listen, die die Welt ordnen und strukturieren, fest im Griff. Ein formal so mutiges wie sprachlich originelles Debüt.
Von Christoph Schröder
Christoph Schröder, Jahrgang 1973, arbeitet als freier Autor und Kritiker unter anderem für den Deutschlandfunk, SWR Kultur und Die Zeit.
Inhaltsangabe des Verlags
Was verbindet uns mit denen, die vor uns kamen?
Mit einem heimlich geschlachteten Schaf beginnt der Blick in die Innereien einer Familie. Hier rührt die Urgroßmutter das Blut für die Würste, der Großonkel schläft fünfzehn Jahre lang, und die Großmutter stiehlt nachts die Ziegel vom Dach. Am Ende steht die Urenkelin Alma und fügt die Einzelteile der Familiengeschichte zusammen: vom kargen Alltag auf einem Bauernhof an der Nordsee über den Krieg und den Neuanfang fern der Heimat bis in die Gegenwart, in der die Großmutter ins Heim muss und Alma versteht, dass sie das letzte Glied in der familiären Kette ist.
In kurzen, virtuos verdichteten Passagen entfaltet Anna Maschik einen ganzen Kosmos – die Familie als ein großer Resonanzkörper, in dem die Prägungen widerhallen über die Generationen hinweg. Es ist eine Geschichte von bevorzugten Geschwistern, vom Scheitern am Schlaf und an der Sprache, von der Verwandlung in ein Möbel, einen Wolf, einen Zitronenbaum. Lakonisch und voll schwebender Magie erzählt sie davon, was Vorbestimmung ist und ob man ihr entkommen kann.
(Text: Luchterhand Literaturverlag)
