Annekathrin Kohout Hyperreaktiv. Wie in Sozialen Medien um Deutungsmacht gekämpft wird
- Wagenbach
- Berlin 2025
- ISBN 978-3-8031-3762-3
- 192 Seiten
- Verlagskontakt
Für diesen Titel bieten wir eine Übersetzungsförderung ins Polnische (2025 - 2027) an.
Wir Geiseln der Feedback-Kultur
Die ADHS-Diagnose ist heute das, was vor ein paar Jahren noch Burnout hieß und im neunzehnten Jahrhundert Neurasthenie. Gemeint ist aber das Gleiche: nämlich die Unfähigkeit, zu viele Reize gleichzeitig zu verarbeiten, das heißt das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden, das Interessante vom Uninteressanten, aber auch das Laute vom Leisen. Als Ergebnis dieser Überforderung entsteht ein Gefühl der Ohnmacht.
Dieses Gefühl kennen wir Geiseln der heutigen Feedback-Kultur, die uns auf sämtlichen digitalen Kanälen quasi auf Schritt und Tritt verfolgt, schon länger. Das Internet der Plattformen ist eine nicht abbrechende Aufforderung, sich zu den Dingen, die dort präsentiert werden, zu verhalten und damit die Aufmerksamkeit der User auf der Plattform oder beim Produkt zu halten.
War das Fernsehzeitalter noch von der Sorge begleitet, die Zuschauer seien zu Passivität verdammt, da sie das Weltgeschehen ja nur vom Fernsehsessel aus rezipieren konnten, haben sich die Dinge mittlerweile radikal verändert. Der Voyeur von damals ist heute zum Konstrukteur seiner medialen Realität geworden. Er soll Feedback geben, er soll sich einmischen, auf Social Media kommentieren und auch die Kommentare der anderen kommentieren. Die Social-Web-Betreiber nennen dieses hyperreaktive Verhalten das „Engagement“ des Users. Der Euphemismus verschleiert hierbei oft, dass es in Wahrheit nicht um Bürgergeist geht, sondern nur darum, die Nutzer möglichst lange in eine möglichst selbstreferenzielle Gesprächssimulation zu verstricken. „Diese technische Logik hat weitreichende Folgen: Sie belohnt nicht Qualität oder Wahrheit, sondern Reaktionstauglichkeit. Inhalte, die starke Emotionen auslösen – Empörung, Angst, Begeisterung –, werden systematisch bevorzugt, während nuancierte, ausgewogene Beiträge in der Versenkung verschwinden“, schreibt die Autorin.
Das alles ist nicht ganz neu. Annekathrin Kohout gelingt es aber, als Akteurin der neuen Netzkulturen hinter die Kulissen der Plattformen zu schauen. Wie funktionieren die Kommentarfunktionen des Social Web genau? Wie verlaufen die Prozesse der Bedeutungsschichtung, bei der die ursprüngliche Message oft durch visuell überlagernde Kommentarblasen, Emojis, Sticker, Fotos und Videos irrelevant wird. „Auf Instagram“, schreibt Kohout, „hat sich die Story-Funktion von einem flüchtigen Format für Momentaufnahmen zu einer regelrechten Reaktions-Arena entwickelt.“
Kohout, die ihr eigenes Mediennutzungsverhalten immer mitreflektiert, tritt in ihrem Buch als Ethnografin des digitalen Riesenlandes auf, in dem wir uns inzwischen alle, ob wir wollen oder nicht, bewegen. Feedback ist hier die neue Währung im Kampf um unsere Aufmerksamkeit, um unsere – so könnte man sagen – Aufmerkezeit.
Dass sich die neue Reaktionskultur nicht nur massiv auf die Identitätsbildung des Einzelnen und insbesondere von Kindern und Jugendlichen auswirkt, ist inzwischen reichlich erforscht. Auch, dass der öffentliche Diskurs durch den Imperativ zur Dauererregung nachhaltig gestört wird. Desinformation ist heute Teil der öffentlichen Meinungslenkung ebenso wie das bewusst eingesetzte Missverstehen. Es dient dazu, den potentiellen Gegner in endlose Selbstrechtfertigungen zu verwickeln, nur um am Ende dann doch das Gift der üblen Nachrede seine Wirkung entfalten zu lassen.
Auch das zeigt dieses Buch anschaulich: Wir sind Beobachter wie Verursacher eines epistemischen Bruchs, der unser Bild der kritischen Öffentlichkeit sabotiert. Die Art, wie Wahrheit heute hergestellt wird, unterscheidet sich kategorial von allen begrifflichen Herleitungen, auf die wir uns in einem demokratischen Gemeinwesen berufen können. Öffentlichkeit kann heute nicht mehr getrennt werden vom Dauerfunken unserer Apparate, das heißt: weder von unseren hyperreaktiven Kurzschlusshandlungen, noch von unseren Ohnmachtsgefühlen angesichts der Fülle von Erzählungen, Gegenerzählungen, Verleumdungen und Verschwörungen.
Fast alles im Netz fordert uns zu seiner Deutung heraus und konkurriert um den Status einer Bedeutung. „Ich merkte“, schreibt die Autorin angesichts des russischen Einmarschs in der Ukraine, „wie die Kluft zwischen Informiertheit und Handlungsfähigkeit wuchs.“ Und sie ergänzt: „Der hyperreaktive Mensch konsumiert Nachrichten nicht mehr primär, um sich zu informieren, sondern, um reagieren zu können.“ Vergleicht man die ersten zaghaften Postings von vor zehn Jahren mit der ausdifferenzierten Binnenkommunikation heutiger Kommentierungsfunktionen, bekommt man in diesem Buch das Phänomen Social Media auch in seiner exzentrischen Geschichte in den Blick.
Von Katharina Teutsch
Katharina Teutsch ist Journalistin und Kritikerin und schreibt unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, den Tagesspiegel, die Zeit, das PhilosophieMagazin und Deutschlandradio Kultur.
Inhaltsangabe des Verlags
Hast du den Post von Greta gesehen? Was für ein Bild hat die denn geteilt? Ist das echt? Die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout wirft einen Blick hinter die Erregungsdynamiken der Sozialen Medien – auf die Strukturen einer Reaktionskultur, die öffentliche Debatten längst weit über das Netz hinaus bestimmt.
Warum ist Online-Kommunikation geprägt von Überreizung, Missverständnissen und gegenseitigem Misstrauen? Wie wird online mit Bildern und ihrer Interpretation Politik gemacht? Und mit welchen Methoden wird in den Sozialen Medien um Deutungsmacht gekämpft? Die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout erkundet die Sozialen Medien als eine Welt, in der alles auf möglichst starke Reaktionen ausgelegt ist. Nur wer permanent beurteilt, kommentiert, teilt oder mit seinen Beiträgen selbst starke Interaktionen hervorruft, wird hier von den Algorithmen belohnt – mit fatalen Konsequenzen, auch für die Debatte außerhalb der Plattformen. Anhand persönlicher Erfahrungen, prägnanter Fallbeispiele und theoretischer Reflexionen legt Kohout anschaulich offen, wie in den Sozialen Medien analytische, forensische und investigative Methoden imitiert werden, um gezielt Desinformation zu verbreiten und Stoff für Polarisierung zu bieten. Und sie zeigt, welche Verantwortung jeder einzelne User dabei trägt. Wer einen glaubwürdigen demokratischen Diskurs noch nicht aufgeben möchte, sollte diese Bestandsaufnahme der digitalen Gegenwart dringend lesen.
(Text: Wagenbach)
