Nils C. Kumkar Polarisierung
- Suhrkamp Verlag
- Berlin 2025
- ISBN 978-3-518-12814-5
- 250 Seiten
- Verlagskontakt
Für diesen Titel bieten wir eine Übersetzungsförderung ins Polnische (2025 - 2027) an.
Das Narrativ der Spaltung: Wie ein Diskurs die Demokratie verändert
Am Mustergültigsten ist allerdings der gesellschaftliche Zusammenhalt in Diktaturen realisiert. War nicht etwa in der Volksgemeinschaft des Nationalsozialismus das Unterhaken geradezu oberste Bürgerpflicht? Und ist nicht dagegen die Demokratie per Definition eine strittige und streitbare Regierungsform? Vieles soll die Demokratie aushalten, aber offenbar keine Polarisierung. Der Soziologe Nils C. Kumkar hat diesem Thema nun eine kluge und sozusagen gegen-intuitive Analyse gewidmet. Ja, es gibt tatsächlich eine zunehmende Polarisierung, so das Fazit in Kumkars systemtheoretischer Perspektive. Aber nicht in dem Sinne, wie er von einer besorgten Politik und Öffentlichkeit häufig unterstellt wird. Polarisierung nach Kumkar ist nicht der Spiegel einer aufgrund unvereinbarer Überzeugungen auseinanderklaffenden Gesellschaft. Sie ist vielmehr der kommunikative Effekt einer Zerrüttung des demokratischen Konsenses, die niemand so gut beherrscht wie die extreme Rechte.
Polarisierung ist ein Geschäft geworden, das Geschäft von YouTubern, Bloggern und Trollen, von Leuten, die Steffen Mau treffend als „Polarisierungsunternehmer“ charakterisiert hat. Die Polarisierung ist demnach eher einseitig, in Wahrheit also gar nicht bi-polar, womit der Begriff eigentlich sinnlos würde. Da es sich aber bei „Polarisierung“ nach Kumkar gar nicht um ein Phänomen der gesellschaftlichen Wirklichkeit handelt, sondern um einen Diskursmechanismus, kann dieser auch von der Realität nicht dementiert werden.
Polarisierung gibt es, weil es die Polarisierungsunternehmer wollen, die ihrer vorwiegend digitalen (und jugendlichen) Kundschaft einreden, gegen den liberalen Mainstream sei die Freiheit zu verteidigen oder überhaupt erst herzustellen. “Polarisierung sells“, schreibt Kumkar, und zwar „als Strategie des kleinsten gespaltenen Nenners“. Hauptsache gespalten, so könnte man die Strategie beschreiben – über politische Einzelheiten kann man dann später reden. Solche kommunikative Polarisierung lebt, mit Luhmanns Wort, von der permanenten Komplexitätsreduktion. Elite sind immer die Anderen, die eigene Gefolgschaft wird mit simplen, aber stets aggressiven Botschaften bei Laune gehalten. Donald Trump ist so gesehen der Weltmeister der kommunikativen Polarisierung.
Kumkar ist zwar Systemtheoretiker, aber das heißt nicht, dass er sich aufs Beobachten unserer Polarisierungskrise beschränkte. Er sucht vielmehr nach Lösungen, aber nur nach solchen, die Polarisierung als Problem oder Chance politischer Kommunikation verstehen. Kumkar fragt nämlich, ob nicht eine Gegen-Polarisierung wünschenswert wäre – womit die Polarisierung der Gesellschaft überhaupt erst hergestellt wäre, nämlich im Sinne zweier oder vieler konkurrierender Polarisierungsangebote. Auf die einfachen Parolen der Rechten müsste ebenfalls einfach geantwortet werden. „Polarisierung sells“: was wir brauchen, so Kumkar, ist nicht so sehr das selbstkritische Händeringen der liberalen Demokratie, sondern eher einen links-liberalen, medial versierten und auf jedwede „Moralspektakel“ verzichtenden Populismus. Er hätte keine falsche Angst vor Polarisierung, sondern würde lieber selbst kräftig polarisieren.
Von Christoph Bartmann
Christoph Bartmann war Leiter der Goethe-Institute in Kopenhagen, New York und Warschau und lebt heute als freier Autor und Kritiker in Hamburg.
Inhaltsangabe des Verlags
Die Debatte um »Polarisierung« ist von einem Widerspruch geprägt. Während immer mehr Menschen eine »Spaltung der Gesellschaft« fürchten, zeigen Umfragen, dass die Einstellungen der Bürger:innen gar nicht auseinanderdriften.
Nachdem er sich zuletzt mit »alternativen Fakten« befasste, widmet sich Nils C. Kumkar nun einem anderen Aspekt, der die Debatte über die Debatten verwirrt. Er zeigt, dass die Beobachtung der Gesellschaft notwendigerweise Polarisierung wahrnimmt, da Letztere im politischen System mit seinen Unterscheidungen zwischen Regierung und Opposition sowie zwischen Regierenden und Regierten angelegt ist. Spaltung, so Kumkar, lässt sich letztlich nicht überwinden. Die Frage wäre, wie man produktiver spalten kann. Kumkar bietet nicht nur eine Klarstellung in der Diskussion über Polarisierung, sondern auch eine neue Erklärung für den Erfolg des Rechtspopulismus.
(Text: Suhrkamp Verlag)
