Sparte: Belletristik

Peter Stamm
Nacht ist der Tag

Roman

Buchbesprechung

​Der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm gehört seit vielen Jahren zu den meistbeachteten Autoren deutscher Sprache. Sein Erzählungen und Romane handeln von der Diskrepanz zwischen Lebensentwürfen und gelebter Realität, von enttäuschten Erwartungen, scheiternden Beziehungen und der Erfahrung existentieller Verlorenheit in bürgerlichen Verhältnissen. Stamm gilt als Meister der sprachlichen Askese; seine Prosa ist lakonisch und schmucklos bis zur Kargheit, doch wird ihr immer wieder eine untergründige Bedeutungsfülle bescheinigt und die Kraft, einen Resonanzraum für Stimmungen und Ahnungen, Verdrängtes und Verschüttetes zu öffnen.

Eine Frau verliert ihr Gesicht: Fast zu plakativ wirkt auf den ersten Blick die Metapher, auf die sich Stamms jüngster Roman „Nacht ist der Tag“ zurückführen lässt, und fast gazettenhaft reißerisch erscheint die Konstruktion. Gillian, Fernsehmoderatorin, neununddreißig, attraktiv und erfolgreich, erwacht nach einem Autounfall aus der Narkose und findet sich in einem Albtraum wieder. Ihre Gesichtsmitte ist zerstört, und ihr Mann, mit dem sie in jener Nacht unterwegs war, nach einer Party samt Streit und übermäßigem Alkoholgenuss, ist ums Leben gekommen.

Gillians Eltern reagieren seltsam distanziert auf die Katastrophe; die junge Frau, die bis dahin eine nach außen hin glatte, gesicherte Existenz geführt hat, ist plötzlich auf sich allein gestellt, und sehr bald begreift sie, dass ihr bisheriges Dasein „eine einzige Inszenierung“ war. Sie wird ihre Identität wie aus Puzzleteilen neu zusammensetzen müssen, während die plastische Chirurgie in vielen Einzelschritten ihre Gesichtszüge wieder herstellt.

Peter Stamm arbeitet mit Rückblenden, die das Geschehen vor dem Unfall rekonstruieren, und mit einem Perspektivwechsel in der Mitte des Romans: Über eine längere Strecke begleitet er nun den Fotografen und Maler Hubert, von dem Gillian sich porträtieren ließ und mit dem sie gern eine Affäre begonnen hätte. Auch er steht an einem Wendepunkt, markiert durch eine künstlerische Schaffenskrise und eine private Trennung.
In einem leicht bizarren Clubhotel im Engadin mit angeschlossenem „Kulturzentrum“ begegnen Gillian (die nun Jill heißt) und Hubert einander wieder: Sie managt das Animationsprogramm und spielt im Bauerntheater, er verlegt sich, nachdem er eine Art Zusammenbruch überstanden hat, auf Zeichenkurse für die Gäste.

Diesmal entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden, doch Peter Stamms fast protokollhaft spröde Sprache entlarvt sie als Konstrukt, ebenso wie die Versuche, die jeder der beiden unternimmt, um sich selbst zu finden und zu verwirklichen.
Dass es ausgerechnet eine Drogenerfahrung ist, die Jill schließlich dazu ermutigt, abermals einen Lebensabschnitt zu beenden und einen Neuanfang zu wagen, könnte man dem Autor als Verlegenheitslösung anlasten. Aber Stamm kennt sich in der menschlichen Psychopathologie gut genug aus, um diesen Vorgang zumindest literarisch plausibel zu machen. Der letzte Satz lautet: „Das Spiel war zu Ende, sie war frei und konnte gehen, wohin sie wollte.“

Das klingt nach einem melodramatisch aufgesetzten Happy-End, doch im diffusen Dämmerlicht der vorausgegangenen Geschichte lässt sich auch diese Wendung einordnen in Stamms fundamentale Skepsis gegenüber seinen Figuren: Er traut ihnen nicht und lässt sie immer wieder in Fallen tappen, wie ein Forscher, der das Verhalten von Insekten unter dem Mikroskop betrachtet, kühl und fasziniert zugleich. Nachdem der Tag zur Nacht geworden ist, geht nicht einfach die Sonne wieder auf: Es sind die Graustufen der Übergänge, die Stamms Erzählgestus färben, und man muss genau hinschauen, um ihre Nuancen zu erkennen. 
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 18.05.2014

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.