Sparte: Sachbuch

Reiner Stach
Kafka - Die frühen Jahre

Biografie

Ein Roman ohne Fiktion: Der 3. Band von Reiner Stachs Jahrhundertbiografie erzählt von Kafkas literarischen Anfängen

Es ist der Abschluss eines gigantischen Projekts - und hätte doch, konventionell betrachtet, dessen Anfang sein müssen. Aber Reiner Stach hat sich bei seiner dreibändigen, mehr als 2000 Seiten umfassenden Kafka-Biografie über chronologische Usancen souverän hinweggesetzt: Der mittlere Band, „Die Jahre der Entscheidungen“, erschien 2002, der dritte, „Die Jahre der Erkenntnis“, folgte 2008, und jetzt wurde, unter dem schlichten Titel „Die frühen Jahre“, der erste Teil dieser monumentalen Lebenserzählung vorgelegt.
 
Gab es bei den vorausgegangenen Bänden noch skeptische Reaktionen auf Stachs Ehrgeiz, der Biografie romanhafte Züge und damit den Rang eines eigenständigen literarischen Kunstwerks zu verleihen, so wird dem Autor nun von vielen Seiten enthusiastisch bescheinigt, genau diesen Anspruch eingelöst zu haben. Stach wiederum, von Haus aus Mathematiker und Literaturwissenschaftler, darf sich zugute halten, mit seiner Trilogie so etwas wie ein neues Genre geschaffen zu haben - einen Roman ohne Fiktion, der bei aller stupenden Materialfülle nichts Erfundenes enthält.
 
Im Fall der frühen Lebensjahre Franz Kafkas, den sein Biograf mit einigem Recht als „Jahrtausendautor“ bezeichnet, war das am schwierigsten, ist jene Phase doch in direkten Quellen kaum dokumentiert. Dass Stach das Fundament seines Kafka-Gebäudes erst nach dem Parterre und dem Dachgeschoss errichtet hat, liegt vornehmlich daran, dass er lange gehofft hatte, für die Zeit von 1883 bis 1911 die Tagebücher Max Brods heranziehen zu können. Sie sind, wegen des anhaltenden und durchaus „kafkaesken“ Rechtsstreits über Brods Erbe, bis heute unzugänglich geblieben.
 
Dieser Ausfall wird aber reich kompensiert durch die Ergebnisse akribischer Recherchen in der Sozial- und Mentalitätsgeschichte und der Alltagskultur des späten Habsburgerreiches, unter Einbeziehung des Weltgeschehens: Die Geschichte der Stadt Prag, die Familienhistorie, die politischen Spannungen und kulturellen Strömungen, die Kindheit und Jugend, Bildungsweg und Berufsanfänge des jungen Kafka prägen, fügen sich zu einem vielfarbigen Epochenpanorama, das in Stachs szenischer, oft auch anekdotischer Erzählweise eine enorme atmosphärische Dichte und Lebendigkeit gewinnt.
 
Wiederholt ist die diskrete Empathie gelobt worden, mit der Reiner Stach den Lebensspuren des Dichters folgt, ohne daraus interpretierende Schlüsse auf dessen Werk zu ziehen. Im neuen Band, der von der Geburt, Entwicklung und Emanzipation eines außerordentlichen Sprachtalents handelt, ist der Biograf seiner Deutungsabstinenz mindestens einmal untreu geworden; ohnehin machen, wie schon in den beiden Vorgängern, Spekulationen über Kafkas inneres Erleben und das elegante Hinüberwechseln in seinen „Wahrnehmungsmodus“, wie es einmal heißt, einen gleichsam organischen Bestandteil des Erzählens aus. Das mag zuweilen irritieren, bringt jedoch überall dort, wo Einfühlung und Forschung sich verschwistern, Erhellendes für die Kafka-Lektüre hervor: So rückt beispielsweise Stachs persönliches Gespür für Kafkas Humor jene Lebenszeugnisse ins Licht, die diesen wichtigen, von den meisten Exegeten vernachlässigten Aspekt hinreißend belegen.
 
Und abermals zeigt sich, worin das herausragende Verdienst dieser (obendrein schön bebilderten) Kafka-Biografie besteht: Dass sie, obwohl auf der Grundlage einer imposanten Gelehrsamkeit verfasst, sich nicht nur an das akademische Fachpublikum richtet, vielmehr an alle, die sich für den Dichter und den Menschen Franz Kafka und seine Zeit interessieren – oder, angeregt durch diese Lebensschilderung, ihr Interesse an ihm erst noch entdecken könnten. So wirken denn auch die 600 Seiten des abschließend publizierten  Eröffnungsbandes nicht einschüchternd, sondern einladend, und selbst der Anmerkungsapparat vermag zu fesseln, was im Revier der Literaturwissenschaft durchaus ein Alleinstellungsmerkmal ist.  
 
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 07.01.2015

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.