Sparte: Belletristik

Lorenz Langenegger
Dorffrieden

Roman

Provinz als Schutzraum

Die Großstadt ist fern, die Idylle nahezu perfekt. Polizeiwachtmeister Max Wattenhofer fühlt sich in seinem Dorf ausgesprochen wohl. Der gewissenhafte Mann schätzt den Frieden – außer ein paar betrunkenen Jugendlichen und falsch geparkten Autos gibt es keine Probleme in der beschaulichen Seegemeinde. Und so soll es auch bleiben. Ruhe und Ordnung zu bewahren, diese Aufgabe stellt für Wattenhofer einen wertvollen Dienst an der Gesellschaft dar. „Natürlich ist auch diese kleine Welt keine ideale, aber zumindest eine, die gut funktioniert" meint der 50-jährige, der seit mehr als 20 Jahren verheiratet ist. Auch seine Ehe funktioniert, darauf legt er Wert.

Der Schweizer Schriftsteller Lorenz Langenegger zeigt seine Hauptfigur als sympathischen, gutmütigen Vertreter des Gesetzes. Sein Dorf fungiert als perfekter Schutzraum in einer globalisierten Welt voller Terrorangst und Beschleunigung. Im Präsens, in stiller, klarer Prosa erzählt Langenegger charmant vom unermüdlichen Versuch des Polizisten, seine Gemeinde vor negativen Ausprägungen der modernen Welt zu schützen. Dass sein erwachsener Sohn kifft, schockiert Wattenhofer. Dass seine Frau zugibt, selbst Gras geraucht zu haben, kann er kaum fassen. Dass seine Polizeiwache nun „Dienstleistungszentrum Sicherheit" heißt, irritiert ihn. Wo ist sie nur geblieben, seine beschauliche Welt?

Wattenhofers Besorgnis wächst, als er von Frau Direktor Ramsauer, der Witwe des ehemaligen Gemeinderatspräsidenten, einen Hinweis erhält: Auf dem Parkplatz vor der Schule hätten Vandalen gewütet. Der Wachtmeister nimmt diese Aussage ernst und schlittert in einen für seine Verhältnisse komplizierten Fall. Am vermeintlichen Tatort findet er eine weggeworfene Zigarettenschachtel, in der ein Spindschlüssel steckt. Zudem erfährt Wattenhofer, dass ein verdächtiger Mietwagen auf dem Gelände parkte. Der Schlüssel führt den Polizisten ins örtliche Schwimmbad, zu einer alten Sporttasche, ins Dorfmuseum, in einen Nachtclub – und schließlich zu einem Paar Gummistiefel, das zur Lösung des Falles beiträgt.

Durch die Ermittlungen seines bescheidenen Helden vermittelt Lorenz Langenegger geschickt ein umfassendes Bild der Dorfgemeinde, in der jeder jeden kennt. Leicht zugespitzt, mit feiner Ironie erzählt Langenegger von genügsamen Menschen in einer entschleunigten Umgebung. Für den Wachtmeister ist der titelgebende Dorffrieden jedoch stets in Gefahr, weshalb Wattenhofer sogar den Abend und die Nacht seines Hochzeitstages durcharbeitet. Sein Engagement zeigt Wirkung: Der Fall wird schließlich gelöst, und Wattenhofer kann aufatmen. Hinter den scheinbar seltsamen Ereignissen steckt nur allzu menschliches Verhalten. Die Provinz bietet also weiterhin Schutz. Und er kann wieder in Ruhe Patience am Bürobildschirm spielen.

Lorenz Langenegger überzeugt auch in seinem dritten Roman mit einer sanften Version der im deutschsprachigen Raum sehr erfolgreichen Regionalkrimis. Dieses Genre steht weniger für realistisch geschilderte Verbrechensaufklärung als vielmehr für amüsante Milieustudien mit Spannungsgarantie. Auch Langenegger verstärkt gegen Ende seines Romans die suspense-Anteile, ohne die unaufdringliche Komik seiner Handlung und die empathische Nähe zu den Protagonisten zu verlieren. In einer gelassenen Sprache schildert er die liebevollen Eigenheiten seines Ermittlers in einer Miniaturwelt, die der Globalisierung trotzt.
Günter Keil

Von Günter Keil, 28.02.2018

Günter Keil ist freier Kulturjournalist und Juror (Tukan Preis der Stadt München, Stuttgarter Krimipreis). Er rezensiert Neuerscheinungen und interviewt Autoren u.a. für Süddeutsche Zeitung, SPIEGEL Online, Die Welt.