Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Will Gmehling
Freibad. Ein ganzer Sommer unter dem Himmel

Roman für Kinder

Ein Sommer wie er früher einmal war

Wenn Gott als eine Art Penner daherkommt oder ein Yeti in Berlin auftaucht, dann befinden wir uns im literarischen Kosmos von Will Gmehling. Er besitzt die Gabe, Phantastisches so überzeugend mitten in unserer Wirklichkeit zu platzieren, dass man als Leser gar nicht auf die Idee kommt, da stimme etwas nicht.
Sein neuer Kinderroman „Freibad. Ein ganzer Sommer unter dem Himmel“ erzählt allerdings eine andere, fast akribisch realistische Geschichte: Weil die Bukowski-Geschwister Alf, Katinka und Robbie im Hallenbad ein Kleinkind vor dem Ertrinken gerettet haben, sind sie ein paar Tage lang berühmt. Als Anerkennung bekommen sie eine Dauerkarte fürs Freibad, und da ihre Eltern sich keinen Sommerurlaub leisten können, gehen die drei von Mai bis September jeden Nachmittag zu dritt dorthin. Bei Hitze und Regen, Sonnenschein und Gewitter. Während ihre Klassenkameraden nach Mallorca oder Griechenland fliegen, wird dieser Sommer im Freibad für sie ein ganz besonderer!
Und das aus mehreren Gründen: Zuerst einmal schaffen alle drei – Alf ist zehn, Katinka acht und Robbie sieben Jahre alt – am Ende des Sommers das, was sie sich vorgenommen und monatelang geübt haben: Alf springt vom Zehner, Katinka schwimmt 1000 Meter im Kraul-Stil und der kleine, leicht autistisch wirkende Robbie lernt schwimmen. Aber wie nebenbei machen sie alle drei auch noch eine Menge anderer Erfahrungen. Alf verliebt sich in die schöne, meist blütenweiß gekleidete Tochter des Bademeisters und wird am Ende auch gnädig beachtet, Katinka lernt Französisch und parliert mit drei jungen Afrikanern und Robbie spricht immer häufiger in ganzen Sätzen.
Ein Sommer im Schwimmbad – das klingt nicht gerade nach einer aufregenden
Urlaubsgeschichte. Aber schon mit den ersten Sätzen sind wir mitten drin im Geschehen. Alf, der zehnjährige Erzähler, berichtet in knappen, klaren Sätzen und mit einem sehr genauen Blick von seiner ziemlich chaotischen, aber liebevollen Familie. Jedes Mitglied – sich selbst eingeschlossen – zeichnet er mit ein paar prägnanten Strichen, so dass man sie alle vor sich sieht: Den zurückhaltenden, etwas ängstlichen Ältesten, seine durchsetzungsstarke, schlaue und nervige Schwester, den wunderlichen, zugleich hochsensiblen kleinen Bruder und schließlich die Eltern, die ihren Kindern vertrauen und sehr bewusst viele Freiheiten lassen.
Will Gmehling erzählt von einem endlos scheinenden Kinder-Sommer ohne große Probleme oder Konflikte. Ein Geschwister-Streit, zarte Schmetterlinge im Bauch  oder ein Schwimmbad-Verbot sind emotionale Höhepunkte. Es ist ein Sommer, wie Kinder ihn heute selten erleben, weil Sport- und Musiktermine, Ferienspiele und Urlaubsreisen ein einfaches Alltagsleben mit der dazu gehörenden Wiederholung und Langeweile verhindern. Ganz schnell kommt in Gmehlings Geschichte Sommer-Atmosphäre auf, wir hören, sehen, spüren förmlich das Klatschen und Spritzen im Kinderbecken, die Lichtkringel auf dem Wasser und das bunte Gedrängel, die Hitze und die Müdigkeit am Abend.
Auch sprachlich neigt Will Gmehling in seinem feinen, kleinen Kinderroman zum Understatement und entwickelt seine unspektakuläre, aber gerade dadurch berührende Geschichte wohltuend entspannt. Indem Alf die jungen Leser frisch und direkt anspricht, als lägen sie auf der Decke neben ihm, zieht er sie direkt ins Geschehen hinein. Und das dreht am Ende noch einmal richtig auf!
„Freibad“ ist eine Sommergeschichte für Mädchen und Jungen, die man überall lesen kann. Auf Mallorca oder in Griechenland, zu Hause oder im Schwimmbad. Sie ent-deckt das Wichtige wie beiläufig: Geschwister-Liebe, Vertrauen, Spaß. Man wünscht sich sofort noch weitere Erlebnisse der drei Bukowski-Geschwister! Die letzten Sätze lauten: „So viel ist passiert und passiert andauernd weiter. Zum Glück.“ Und zum Glück gibt es solche Kinderbücher, die ganz unspektakulär vom Sommer-Glück zu Hause erzählen!
 
Sylvia Schwab

Von Sylvia Schwab, 24.09.2019

​Sylvia Schwab ist Hörfunkjournalistin und hat sich auf Kinder- und Jugendliteratur spezialisiert. Sie ist Jurorin bei den "Besten 7" von Deutschlandfunk und Focus und arbeitet für den Hessischen Rundfunk, den Deutschlandfunk und Deutschlandradio-Kultur.