Sparte: Belletristik

Ulrich Peltzer
Teil der Lösung

Buchbesprechung

Berlin im Sommer 2003, das heißt: wochenlanger Sonnenschein und einfach ein Wetter zum Verlieben. Und genau das tut der Protagonist in Ulrich Peltzers mehrfach ausgezeichnetem Roman Teil der Lösung denn auch. Er heißt Christian Eich, ist Mitte 30 und schlägt sich als freier Journalist mehr schlecht als recht durchs Berliner Großstadtleben. Dabei stößt er, zwischen Kneipe und Uni, immer wieder auf eine junge Frau namens Nele, und schließlich verliebt er sich in sie. Nele schreibt bei Jakob, einem einstigen Schulfreund Christians und aufstrebenden Universitätsdozenten, ihre Magisterarbeit zu dem dekonstruktivistisch vorbildlichen Thema „Jean Paul als Textkatapult“ und verfolgt damit zielstrebig den akademischen Karriereweg. Souverän bewegt sie sich im universitären Milieu, und im Unterschied zu Christian weiß sie sehr genau, was sie vom Leben will – und vor allem, was sie nicht will.

Nele ist nämlich, was Christian lange Zeit nicht weiß, Mitglied einer linken Aktivistengruppe, die sich mit mehr oder weniger militanten Protesten gegen eine zunehmende Kontrolle des Staates in allen Lebensbereichen zur Wehr setzt und dabei zum Beispiel an einem symbolischen Ort des globalen Kapitalismus wie dem Sony Center im Clownskostüm auf die omnipräsenten Überwachungskameras hinweist. Neben solchen harmlosen Aktionen macht sich jedoch eine zunehmende Radikalisierung in der Gruppe bemerkbar. So kommt es aus Protest gegen Fahrpreiserhöhungen zur Zerstörung von Fahrkartenautomaten in U-Bahnhöfen und zu Brandanschlägen auf Fahrzeuge; und so geraten Mitglieder der Gruppe schließlich ins Visier des Staatsschutzes. Eingeschleuste V-Leute stacheln die Gruppe zu weiteren illegalen Aktionen an.

Hier zeigt sich die besondere Qualität von Peltzers Erzählweise. Sein Erzähler enthält sich grundsätzlich jeder Wertung und ergreift nirgends Partei. Stattdessen bedient er sich einer um Objektivität bemühten Sprache, die sachliche Beobachtungen nüchtern festhält und noch die kleinsten Regungen genau registriert. Gerade so vermag er überzeugend vorzuführen, wie rebellierende und staatliche Gewalt aufeinander bezogen und in der Legitimation ihrer Handlungen letztlich sogar voneinander abhängig sind.

Christian wiederum – wenn auch in vielem desillusionierter als Nele und ihre Mitstreiter – artikuliert indirekt ebenfalls sein Unbehagen an gesellschaftlichen Normierungen, wenn er sich den bürgerlichen Lebensformen vieler Altersgenossen bewusst verweigert, wie sie sein Freund Jakob mit Karriere, Frau und Kindern prototypisch verkörpert. Ohne festen Job, ohne Wohnung und ohne klare Perspektiven erscheint er zwar in vielerlei Hinsicht orientierungslos, zugleich aber kommt er auch seinem Ideal einer Freiheit des jederzeit veränderbaren Selbstentwurfs näher.

Am Beispiel dieses Protagonisten führt Peltzer den Reiz eines Lebens jenseits der bürgerlichen Normen vor, demonstriert aber zugleich auch dessen Gefährdungen und Grenzen. Denn Christian lebt privat wie beruflich in einem Zustand unbegrenzter Möglichkeiten und eben deshalb dauernder Unentschiedenheit. Oft scheint das Leben einfach an ihm vorbeizutreiben: „Er wusste, was er zu tun hatte in den nächsten Tagen, schon morgen, doch glückte es ihm nicht, die Sachen in eine praktische Reihenfolge zu bringen, wo anfangen und wie fortfahren.“

So hält Christian sich eher widerwillig mit Gelegenheitsarbeiten für einen Gastroführer finanziell über Wasser. Sein eigentliches Interesse aber gilt einem Artikel, den er – noch ohne einen Abnehmer dafür zu haben – über einstige Mitglieder der italienischen „Roten Brigaden“ schreibt, die nach dreißigjährigem Leben in Frankreich nun plötzlich ausgewiesen werden sollen. Wie er an Nele schreibt, geht es ihm dabei um „die dinge […], an denen etwas ersichtlich wird über einzelne schicksale hinaus“, um „ […] die menschen hinter der geschichte, […] im vorliegenden fall auch die offensichtlichkeit, mit der man sie zu den spielfiguren in einer abgekarteten partie macht. sie zu zwecken benutzt, die mit den eigentlichen vorwürfen gegen sie nichts zu tun haben. persönlich und historisch, wobei sich die beiden bereiche vermengen und kaum zu entwirren sind in den linien des bewaffneten kampfes der 70er & 80er jahre.“

Am Beispiel Christians und Neles und ihrer jeweiligen Spielart des politischen Engagements, aber auch der vielen Nebenfiguren aus dem durchaus prekären akademisch-intellektuellen Milieu führt Peltzer nicht nur die Oberfläche urbanen Lebens im 21. Jahrhundert plastisch vor. Auch die Suchbewegungen des Einzelnen zwischen Freiheitsdrang, Anpassung und Widerstand werden atmosphärisch dicht geschildert; wie von selbst ergibt sich daraus die Frage, welche Form der Opposition gegen ein als beengend empfundenes System überhaupt noch zeitgemäß und vor allem langfristig erfolgversprechend sein könnte.

Peltzer hat mit Teil der Lösung also nicht nur einen wunderbaren Liebesroman geschaffen, der zeigt, wie das ungleiche Paar Christian und Nele über alle Generations- und Charakterunterschiede hinweg zueinander findet, sondern auch einen realitäts- und gegenwartsgesättigten, dezidiert politischen Roman. Der Eindruck der Authentizität verdankt sich nicht zuletzt Peltzers filmartigen, schnellen Schnitten und der präzisen Vergegenwärtigung von Milieus und Diskursen.

Seine scharfsichtigen Beobachtungen des Großstadtlebens sind zwar mit vielen konkreten Versatzstücken aus dem Berliner Alltag angereichert, können aber stellvertretend für vergleichbare Phänomene in den meisten Metropolen der Gegenwart stehen. Schließlich geht es in diesem Berlin-Roman vor allem um die Frage nach der Glaubwürdigkeit individuellen wie gesellschaftlichen Denkens und Handelns und damit zugleich um die globale Frage, inwieweit die Zwänge einer flexiblen Ökonomie und Lebensführung im Widerstreit mit romantischen Vorstellungen von einem besseren Leben und der Veränderbarkeit der Verhältnisse stehen.
Anne-Bitt Gerecke

Von Anne-Bitt Gerecke, 01.03.2008