Sparte: Sachbuch

Bernd Stiegler
Reisender Stillstand - Eine kleine Geschichte der Reisen im und um das Zimmer herum

Buchbesprechung

Das ganze Unglück der Menschen, wusste schon im 17. Jahrhundert Pascal, rührt daher, dass sie nicht ruhig in ihrem Zimmer bleiben. Wie viel mehr gilt das für eine Zeit, in der es die Menschen nicht nur vor die Tür, sondern scharenweise in die Ferne zieht, in immer neue Länder, fremde Städte, unbekannte Regionen. Dabei vergessen sie oft eine ganz andere, nicht minder aufregende und lehrreiche Form der Welterkundung. An sie erinnert der Konstanzer Literaturprofessor Bernd Stiegler in seinem Buch Reisender Stillstand, das der „Geschichte der Reisen im und um das Zimmer herum“ gewidmet ist.

Was zunächst wie ein allenfalls kurioser Forschungsgegenstand anmutet, erweist sich bei näherem Hinsehen als überaus ergiebiges Genre, als fruchtbares kulturwissenschaftliches Feld, dessen Grundsätze der Autor gleich zu Beginn zu definieren versucht: Ziel der Zimmerreise sei es, angeblich bekannte Räume zu verfremden, sie mit dem Blick des Ethnologen in Augenschein zu nehmen und sie „so zu erkunden, als handele es sich um einen Raum, den man zum ersten Mal betritt oder zumindest mit neuen Augen sieht“.

Geradezu exemplarisch eingelöst wurde dies von einem Buch, das der ganzen Richtung den Namen gab und die Tradition der häuslichen Expeditionen begründete, Xavier de Maistres Voyage autour de ma chambre von 1794. Dieser hatte einen 42tägigen Hausarrest für eine Grand Tour innerhalb der eigenen vier Wänden genutzt und war dabei als „seßhaft Reisender“ der zweckmäßigen Schönheit der Alltagsgegenstände auf die Spur gekommen, war sich der Geschichte der aufgehängten Bilder bewusst geworden und hatte längst vergessene Schätze in seiner Bibliothek entdeckt.

Seine eigentliche Entdeckung aber war die Umkehrung jener Perspektive, die nur im Exotischen und Fremden etwas Neues und Aufregendes zu finden glaubt. Plötzlich zeigen sich dem sein höchst beschränktes und vermeintlich vertrautes Terrain erkundenden Abenteurer die Abgründe und Attraktionen des langweiligen Alltagslebens. Anders als bei gewöhnlichen touristischen Unternehmungen ist ihm sein Reiseziel zunächst wohlbekannt, erst die eingehende Erkundung macht es zur Terra Incognita, was, so Stiegler, auch die Haltung des Reisenden präge und zu einer Art Doppelfigur führe „von Bewegung und Stillstand, von Eigenem und Fremdem, von Vertrautheit und Distanz“.

Weit entfernt sind diese Zimmerreisen jedoch von jener bloßen Stubenhockerei, die von der Welt und ihren Verlockungen nichts weiß. Stiegler zeigt, dass sich de Maistre immer wieder auf die „echte“ Reiseliteratur bezieht, auf kanonische Abenteuerreisen anspielt, diese also genau kennt. Allerdings interessieren ihn weniger seine vielfältigen Entdeckungen im heimischen Haushalt als vielmehr (und hier ist Lawrence Sterne mit seiner Sentimental Journey sein Ahnherr) die Empfindungen, die die nun mit ganz neuem Auge betrachteten (Alltags-)Gegenstände in ihm auslösen. Die Zimmerreise wird zur Seelenreise. Und das Mittel, auch diesen Empfindungen gegenüber Distanz zu wahren, ist die Ironie. Sie bestimmt sein Verhältnis zur Welt, zur Kunst, zu sich selbst.

Das in der Endphase des Großen Terrors der Französischen Revolution erschienene Buch wurde ein Überraschungserfolg, dem nicht nur etliche Nachauflagen folgten, sondern auch eine Expédition nocturne autour de ma chambre von de Maistre selbst sowie zahlreiche Nachahmungen, Parodien und Fortsetzungen anderer Autoren. Doch Stiegler geht es nicht allein um die mehr oder weniger ernsthaften Nachfolger dieses ehrwürdigen Gründungsdokuments, sondern um das Beziehungsgeflecht eines literarisch-kulturellen Motivs, um die Gemeinsamkeiten, die diese oft ganz unterschiedlichen Texte aus über zwei Jahrhunderten verbinden. Dabei geht es nicht um utopische Entwürfe oder Traumwelten, sondern um konkrete, banale Alltagsräume, die sich allerdings verwandeln und zu regelrechten Erfahrungsräumen werden können.

In seinem meist chronologischen Streifzug beschreibt Stiegler in 21 Etappen (und einem Exkurs zu Jules Verne) die diversen Varianten und Möglichkeiten der Zimmerreise. Etwa die in heimischer Umgebung, also fern der heiligen Stätten absolvierte bzw. simulierte Pilgerreise, bei der der Gläubige „die Dinge in Gegenstände der Betrachtung und Gleichnisse seines Lebens“ verwandelt. Oder solche, die sich auf jenen schillernden Begriff des „Frauenzimmers“ beziehen, mit dem ein Ort, eine Gruppe oder auch Individuen gemeint sein können, also gebildete, vornehme Frauen wie Sophie von La Roche, die 1799 ihre zweibändige Darstellung Mein Schreibetisch veröffentlichte.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts seien so eine Vielzahl von „Miniaturreisen“ entstanden, bei denen die „Schwelle eines Zimmers oder Hauses oder die Grenzen einer Stadt nicht überschritten werden: Man bereist die Hosentaschen, das Zelt oder die Schublade, das Zimmer des Tags wie des Nachts, die eigene Bibliothek oder immerhin eine Großstadt wie Paris“.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat die Zimmerreise eine weitere Dimension hinzugewonnen. Nun kann man, ohne das Zimmer zu verlassen, tatsächlich virtuell verreisen, etwa ins Internethotel „Vue des Alpes“, also gleichzeitig Ferien in den Bergen machen und (so die Werbung) zu Hause sein und alle Arbeit erledigen, die sonst liegen bliebe. Die neuen unbegrenzten Möglichkeiten könnten laut Stiegler zu den von Edith Decker und Peter Weibel vorhergesagten Null-Reisen führen, zu einer „Substitution der Welt durch das Wohnzimmer“. Die Beschleunigung sei Gesetz und Bestimmung, das Zimmer der Ort, an dem das Rasen zum Stillstand komme. Bevor man sich aber ganz an den virtuellen Raum verliert, bietet dieses reich bebilderte, mit zahlreichen Literaturhinweisen versehene Buch seinen Lesern noch eine schöne Gelegenheit, sich auf die ursprüngliche Form der Zimmerreise zu besinnen.
Matthias Weichelt

Von Matthias Weichelt, 01.11.2010

​Matthias Weichelt ist Chefredakteur der Zeitschrift „Sinn und Form“. Er schreibt unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Neue Zürcher Zeitung".