Sparte: Sachbuch

Götz Aly
Michael Sontheimer
Fromms - Wie der jüdische Kondomfabrikant Julius F. unter die deutschen Räuber fiel

Biografie

Buchbesprechung

„Die nicht selten abgründigen, immer nur zufällig gefundenen Nebengeschichten, die unsere Archivare in ihren auf die Haupt- und Staatsaktionen gerichteten Findbüchern überblenden, machen die Historiographie so liebenswert“.

Und genau eine dieser Nebengeschichten ist es, die Götz Aly und Michael Sontheimer uns wieder zugänglich gemacht haben, die sie dem Vergessen entrissen haben: die des jüdischen Kondomfabrikanten Julius Fromm, dem Gründer und Besitzer eines „jener jüdischen Unternehmen, die in der Zeit des Nationalsozialismus untergingen und von der Geschichtswissenschaft fast durchweg ignoriert werden.“

Die Autoren verbinden die Wirtschaftsgeschichte des Unternehmens mit der Geschichte der Familie Fromm, die, getrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben, 1893 aus dem russischen Konin nach Berlin übersiedelt. So gelangt der damals 10-jährige Israel (später Julius) Fromm aus dem jüdischen Ghetto einer von Armut und Frömmelei geprägten Kleinstadt ins Berliner Scheunenviertel, die ärmste und verrufenste Ecke der Stadt. Hier schlägt sich die Familie zunächst mit dem Drehen von Zigaretten durch, doch Julius will mehr. Autodidaktisch eignet er sich das chemische Wissen zur Gummiverarbeitung an und gründet, gut 30-jährig, 1914 eine Einmann-Firma zur Fabrikation von Gummiwaren. Er hat offenbar ein Gespür für das richtige Produkt zur richtigen Zeit, denn mit dem ersten Weltkrieg steigt der Bedarf an Kondomen enorm an. Durch entscheidende Verbesserungen schafft Fromm 1916 das erste Markenkondom, für das er dann auch mit seinem Namen bürgt. Mit der ständigen Steigerung der Produktion geht ebenfalls eine räumliche Vergrößerung einher. Das neue Fabrikgebäude von 1930 ist hell, praktisch und sehr modern im Bauhausstil gehalten. Seine Ansprüche an zeitgemäße Arbeitsbedingungen gehen dabei weit über die damals üblichen Standards hinaus.

Die Geschichte des Julius Fromm handelt vom Aufstieg, aber auch von der Anpassung und dem Trotz eines Mannes, der sich auch in Zeiten zunehmenden Antisemitismus nicht in einer Opferrolle sehen will. Die Anpassung geht fast bis zur Selbstverleugnung: 1933 lässt Fromm in seiner Kantine eine Hakenkreuzfahne aufhängen und ermutigt seine beiden Direktoren, in die NSDAP einzutreten. Seine Präservative preist er jetzt als „siegreiche Qualitätsware“ an und kann sich nicht vorstellen, dass man ihn, den Saatstreuen Unternehmer und guten Steuerzahler einfach davonjagen wird. Doch bleiben all seine Zugeständnisse ohne Erfolg: auch sein Unternehmen fällt schließlich der „Arisierung“ zum Opfer. 1938 wird Julius Fromm gezwungen, seine Fabrik für einen Spottpreis an Görings Patentante zu verkaufen. Obwohl er trotz vieler Repressalien lange gezögert hatte, das Land zu verlassen, rettet er sich und die meisten Angehörigen seiner Familie im letzten Moment ins Exil nach London.

Diese Unternehmensgeschichte ist zugleich ein anschauliches Beispiel dafür, wie jüdische Firmen im Dritten Reich von Staat und Volk ausgeplündert wurden, für die Verbindung von ‚Arisierung’ und Korruption im Dritten Reich. Heute gibt es nur noch wenige Informationen über Julius Fromm, wichtige Quellen wie Firmenarchiv und Nachlass sind verloren, und deshalb will dieses Buch auch nicht mehr als ein „Schattenriss“ sein. Aly und Sontheimer haben Interviews mit einigen noch lebenden Verwandten Julius Fromms geführt. Den größten Teil der Erzählung aber stützen offizielle Dokumente aus dem „Dritten Reich“. In der zweiten Hälfte des Buches taucht Julius Fromm als aktive Figur so gut wie gar nicht mehr auf. So illustriert sogar die Erzählweise die Tatenlosigkeit, zu der Fromm nach seiner Flucht gezwungen war, während sich die Nationalsozialisten in Deutschland nach und nach auf verschlungenen bürokratischen Wegen sein Vermögen aneignen.

Was zunächst in Form von Anekdoten beginnt, endet notwendigerweise in der detaillierten Rekonstruktion von Vermögenswerten. Mehr und mehr lassen Aly und Sontheimer die Zahlen sprechen. Die Schilderung von Buchungsvorgängen auf Konten, die kommentarlose Aufzählung von Eigentumsverhältnissen zeigt die Ungeheuerlichkeit der Plünderung. Die Schilderung des Unrechts wird so beinahe unerträglich. Akribisch rekonstruieren Aly und Sontheimer die „Sozialisierung“ der zurückgelassenen Vermögenswerte Fromms. Seine Bankguthaben wurden als Kriegsanleihen der Reichskasse einverleibt. Seine Berliner Villa in der Rolandstraße ging 1943 nach der Deportation und Ermordung seiner dort verbliebenen Verwandten an einen Ritterkreuzträger. Der Hausrat wurde öffentlich versteigert, von wertvollen Möbeln bis zu einfachen Haushaltswaren: der Volksgenosse als Schnäppchenjäger. Schon in seinem Buch Hitlers Volksstaat hat Aly dargestellt, wie die Enteignung der Juden vom NS-Regime als legitimes Mittel angesehen wurde, um den Staatshaushalt zu entlasten. Die Plünderung von Fromms Besitz ist ein signifikantes Beispiel dafür, ein Einzelschicksal, an dem gezeigt wird, wie Hitlers „Gefälligkeitsdiktatur“ funktionierte. „Julius Fromm war unter die Räuber gefallen. Doch fiel er nicht einem Haufen von Banditen anheim, sondern einem Staat und dessen Bürgern“, fassen die Autoren zusammen. Sie schätzen, dass durch die Enteignung Fromms nach heutigem Wert etwa dreißig Millionen Euro eingenommen wurden.

Die DDR will Fromm nicht als Opfer des NS-Regimes sehen, sondern als „kapitalistischen Ausbeutertyp“ und stuft die Gummiwerke als „Vermögen von Kriegsverbrechern“ ein, um aus seinem Unternehmen einen volkseigenen Betrieb machen zu können. Und auch die BRD wird sich 1962 weigern, für das „Imstichlassen von Möbeln“ eine Entschädigung zu zahlen. Julius Fromm musste all das nicht mehr erleben. Er starb 1945 wenige Tage nach Kriegsende in London, wo er bis zuletzt die Hoffnung gehegt hatte, in seiner Fabrik bald wieder produzieren zu können.
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Von Patrizia Loacker, 01.10.2007