Sparte: Sachbuch

György Dalos
1956. Der Aufstand in Ungarn

Buchbesprechung

György Dalos, Jahrgang 1943, war dreizehn Jahre alt, als sich aus einer Großdemonstration in Budapest innerhalb weniger Stunden ein bewaffneter Aufstand entwickelte, der in seiner Radikalität in der Geschichte des Warschauer Paktes einzigartig war. „Dieses Ereignis war für meine Generation prägend“, schreibt Dalos. Mit seinem Buch, das in seiner Erzählweise an eine Collage erinnert und so vielleicht den sich überstürzenden Ereignissen am besten entspricht, bringt er auch jenen Lesern die Bedeutung dieser aufwühlenden zwölf Tage vom 23. Oktober bis zum 4. November 1956 näher, die sich bislang noch nicht näher damit befasst haben.

Dalos ist kein Historiker, sondern Literat. Kein vielfach untergliedertes Inhaltsverzeichnis ist dem Text vorangestellt, und auch auf Fußnoten verzichtet der Autor. Zum Teil gibt er seine Quellen direkt im Text an, und im Anhang findet sich eine – als Auswahl gekennzeichnete – Liste seiner Quellen in deutscher, ungarischer und russischer Sprache. Von Anfang an ist klar, dass es sich hier um eine subjektive Darstellung handelt, geschildert aus einer Perspektive, die gleichermaßen von Nähe und Distanz geprägt ist. Dalos hat nach eigener Darstellung seine persönliche Einschätzung und Wertung dieser für das ungarische Selbstverständnis so wichtigen Ereignisse mehrfach revidiert und ist nun, 50 Jahre und mehrere Regimewechsel später, zu einer Position gelangt, die es ihm erlaubt, den Aufstand in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und Vielschichtigkeit zu begreifen. Er schreibt keine Heldengeschichte, aber es gelingt ihm doch, die Größe einzelner Beteiligter zu vermitteln; er schreibt keine Gräuelgeschichte und lässt trotzdem die Gewaltexzesse beider Seiten nicht unerwähnt. Und auch die ambivalenten Schlüsselfiguren des Aufstands, Imre Nagy und János Kádár, werden in ihrer ganzen Zerrissenheit und Uneindeutigkeit porträtiert.

Dalos hat seine Darstellung grundsätzlich chronologisch angelegt. Die extreme Dichte des Geschehens zwingt ihn jedoch dazu, immer wieder im Zeitablauf vorzugreifen oder zurück zu blicken, um die wichtigsten Parallelhandlungen zu verknüpfen. Sein Bericht bewegt sich zwischen zahlreichen Handlungsebenen hin und her: Da ist zunächst die persönliche Erinnerung des Dreizehnjährigen, der die revolutionäre Stimmung als faszinierende Unterbrechung des Alltags erlebt, ohne ihre Bedeutung recht begreifen zu können. Dazu kommen die sich ständig verändernden Kampfzentren in der Stadt, Barrikadenkämpfe und Großdemonstrationen, Massaker an Demonstranten und Lynchmorde durch Aufständische. Gleichzeitig schildert Dalos natürlich die Entwicklungen in der politischen Administration, die schwierigen und mitunter chaotischen Prozesse der Entscheidungsfindung in der ungarischen und der sowjetischen Führung. Dies alles geschieht in einer weltpolitischen Situation, in der England, Frankreich und Israel damit beschäftigt waren, die Verstaatlichung des Suez-Kanals durch Ägypten rückgängig zu machen. Auch von Seiten der USA war keine konkrete Unterstützung zu erwarten – zu groß war die Angst vor einer drohenden nuklearen Auseinandersetzung mit dem Warschauer Pakt.

Zwar hing die innere Logik der Ereignisse einerseits mit dieser tragischen weltpolitischen Konstellation zusammen, sie beruhte aber mindestens ebenso stark auf den oft zaghaften und unentschlossenen Positionen der entscheidenden politischen Persönlichkeiten: Imre Nagy, der Reformkommunist, war gleich zu Beginn des Aufstands von der sowjetischen Führung aus der politischen Ächtung geholt und als Premierminister eingesetzt worden. Sein Gegenspieler war János Kádár, der zunächst als neuer KPU-Chef an Nagys Seite stand und kurz darauf als Überläufer im Schatten der sowjetischen Invasion die Führung des Landes übernahm.

Doch auch die Menschen, die in historischen Darstellungen meist keine Erwähnung finden, werden in Dalos’s Buch in angemessener Weise gewürdigt. Ein ganzes Kapitel widmet der Autor „dem ungarischen Freiheitskämpfer“, der vom Time-Magazin zum „Man of the Year 1956“ erklärt wurde. In diesem Kapitel schildert er beispielhaft einige der „einfachen“ Menschen, die in den Straßen Budapests und anderer ungarischer Städte gegen die russische Fremdbestimmung und für Freiheitsrechte wie das Streik- und Demonstrationsrecht und die Presse- und Versammlungsfreiheit kämpften. Ebenso erwähnt werden hier aber auch diejenigen mit anderen Motiven, skurrile, selbsternannte Volkstribune, Kriminelle oder jugendliche Abenteurer.

Aus heutiger Sicht mag das Taktieren Chruschtschows und seiner Leute durchsichtig erscheinen, doch die Betrachtung historischer Ereignisse aus der Perspektive der „allwissenden“ Nachgeborenen kann den betroffenen Zeitgenossen nur schwer gerecht werden. Dalos gelingt es, das vielschichtige Chaos dieser wenigen Tage nachzuempfinden und vor diesem Hintergrund zu vermitteln, wie unendlich schwer es für Nagy (und vielleicht auch für Kádár) gewesen sein muss, den vermeintlich richtigen Standpunkt zu finden. Zerrissen zwischen der Loyalität zur Kommunistischen Partei und den Forderungen des ungarischen Volkes haben beide lange gezögert, sich zu entscheiden, und sind dann entgegengesetzte Wege gegangen.

György Dalos, ein Autor, der auf deutsch und ungarisch schreibt, vermittelt nicht nur historisches Wissen, sondern auch einen Eindruck davon, welche Rolle der Volksaufstand im kollektiven Gedächtnis Ungarns spielt. Er schreibt über die besondere Mischung aus Nationalismus und radikalsozialistischen Forderungen und über das Gefühl der Ungarn, vom Westen im Stich gelassen worden zu sein: Themen , die erst nach der Gründung der Republik Ungarn im Jahr 1989 frei erörtert werden konnten. Doch obwohl die Forderungen von damals laut Dalos nicht mehr in die heutige Zeit passen, ist er davon überzeugt, dass der Geist des Aufstands nach wie vor unter der Oberfläche fortwirkt.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 07.02.2007