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Buchcover Blaue Frau

Übersetzungsförderung
Italienische Rechte bereits vergeben.

Gegen den Zynismus der Macht

Antje Rávik Strubel erzählt von Gewalterfahrungen und der Mobilisierung innerer Ressourcen

Es ist die Stimmung, die sofort verfängt. Antje Rávik Strubel erzeugt in ihrem Roman Blaue Frau von der ersten Seite an eine ganz besondere Art der Spannung. Ihre Heldin Adina, eine junge Tschechin, die in Finnland lebt, ist in ein tiefes Loch gefallen und erstarrt vor Angst. Zuvor hatte sie in einer Bar gejobbt und dann bei ihrem Geliebten Leonides in einem Holzhaus gewohnt. Jetzt ist eine spärlich eingerichtete Wohnung ihre Zuflucht, aber sie kann sich erst ganz allmählich an den Auslöser ihres Schocks herantasten. Und während Adina den Geräuschen in der fremden Umgebung nachlauscht, kommt eine zweite Erzählebene ins Spiel. Durch groß gedruckte Anfangsbuchstaben markiert, erstreckt sich dieser Handlungsstrang erst nur auf wenige Sätze und nimmt nach und nach immer größeren Raum ein. Eine Ich-Erzählerin ergreift das Wort, eine Schriftstellerin, der Verfasserin nicht unähnlich, die mitten im Schreiben steckt. Sie lernt am Hafen von Helsinki die „blaue Frau“ kennen. Anziehend und geheimnisvoll zugleich, scheint sie die kreativen Kräfte anzufachen und den Raum der Fiktion zu kennzeichnen.

Die Geschichte der jungen Tschechin, die 1984 geboren wurde, erstreckt sich über den gesamten Roman. Sie kommt in Bruchstücken zum Vorschein und muss mühsam freigelegt werden. Umso deutlicher teilt sich die Gewalt mit, die Adina erlitten hat. Kindheitsszenen aus dem schneereichen Dorf durchlöchern die Liebesgeschichte mit dem estnischen Diplomaten und Universitätsprofessor Leonides, die ihr, wie es heißt, in Finnland eine „Atempause“ verschafft. In Leonides verbinden sich Osten und Westen, er ist ein Feingeist und kämpft für eine neue Erinnerungskultur, um die „Dunkelstellen“ des Stalinismus ans Licht zu befördern. Für die Not seiner Freundin fehlt ihm dennoch das Sensorium. Adina, die schon in Antje Rávik Strubels Roman Unter Schnee (2001) auftauchte, wuchs in einem Frauenhaushalt auf. Sie fühlte sich als „der letzte Mohikaner“, denn andere Jugendliche gab es in ihrer Umgebung nicht. Durch diese Einsamkeit schien sie den auftrumpfenden Gepflogenheiten im wiedervereinigten Deutschland, wo sie 2006 landete, nicht gewachsen zu sein. In Berlin-Lichtenberg absolvierte die schüchterne Tschechin einen Sprachkurs, war im Umfeld einer lesbischen Bohème unterwegs und bekam schließlich eine Praktikumsstelle auf einem Gut in der Uckermark bei einem selbstherrlichen Impresario namens Razlav Stein. Stein ist davon besessen, mitten in der Einöde einen Umschlagplatz für Kultur aufzubauen, und dafür braucht er einen potenten Multiplikator, jemanden, der problemlos an Geldtöpfe kommt. Dieser treffend gezeichnete Johann Manfred Bengel, alt, aber unverdrossen in Turnschuhen und immer ein sanftes „so schön, so schön“ auf den Lippen, hat offenkundig seine Triebe nicht im Griff. Als Adina in Finnland auf einem Empfang, zu dem sie Leonides begleitet, Bengels Räuspern hört, gerät etwas ins Rutschen.

Das zeitliche Gefüge von „Blaue Frau“ ist bestechend. Geschickt setzt Antje Rávik Strubel das epische Stilmittel der Vorausdeutung ein. Statt langatmiger Rückblenden gibt es kurze, abrupte Abstürze in die Vergangenheit. Oft scheinen die Erinnerungen ihre Heldin eher zu überfallen, als dass sie sich ihre Erfahrungen ins Gedächtnis rufen kann. Die vier Romanteile sind an unterschiedliche Hauptschauplätze gebunden, und jedes Mal deutet ein Motto auf die Atmosphäre hin. Genauso souverän wie die Dramaturgie ihres Romans beherrscht Antje Rávik Strubel ihr Personal. Und schließlich liefert die Autorin Einblicke in ein eigenwilliges Land zwischen den Welten, „slawische Seele, skandinavisches Design“, wie Leonides Finnland einmal beschreibt. Am eindrucksvollsten wird Antje Rávik Strubels erzählerische Kunst, wenn sie mit Überblendungen und Doppelbelichtungen arbeitet, Konturen verschwimmen lässt und sich die Raum-Zeit-Koordinaten auflösen.

Im Schlussteil rückt die Parlamentarierin und Aktivistin Kristiina ins Zentrum, zu der Adina instinktiv Vertrauen fasst, so frei und selbstbestimmt scheint ihr die Finnin. „Blaue Frau“ erzählt eine Harvey-Weinstein-Geschichte und bietet eine nüchterne Bestandsaufnahme der Machtverhältnisse, wie sie bis vor wenigen Jahren unantastbar waren. Auch wenn Adina vor dem großen Kampf zurückschreckt, wehrt sie sich. Bei aller Gewalt steckt noch etwas in ihr, das unangetastet blieb.
Buchcover Blaue Frau

Von Maike Albath

Maike Albath ist Literaturkritikerin und Journalistin beim Deutschlandfunk und Deutschlandfunkkultur. Sie schreibt außerdem für die Süddeutsche Zeitung. Im Berenberg Verlag liegen ihre Bücher Der Geist von Turin (2010), Rom, Träume (2013) und Trauer und Licht (2019) vor.