Schnelleinstieg: Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)

Buchcover Aali muss los

Übersetzungsförderung
Für diesen Titel bieten wir eine Übersetzungsförderung ins Polnische (2025 - 2027) an.

Aale lieben lernen

Keine Frage, Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich können erzählen: Sowohl die Autorin als auch der Autor wurden für ihre Bücher bereits vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis. Gemeinsam mit der Illustratorin Nele Brönner ist den beiden mit Aali muss los nun ein neuer Geniestreich gelungen. Das Kinderbuch rund um den Aal changiert zwischen Sach- und Abenteuererzählung und bietet Lesenden (und Vorlesenden!) neben bester Unterhaltung sprachlich raffiniert verpacktes Faktenwissen. Wobei Aalis Geschichte die Geschichte eines der letzten großen Geheimnisse der Natur ist: die bis heute rätselhafte Wanderung der Aale in die Sargassosee.

Aalis Geschichte beginnt jedoch nicht in den Tiefen des Meeresgebiets östlich von Florida, sondern im Nord-Ostsee-Kanal, „an einem nieseligen Morgen im Frühherbst“. Dieser Morgen ist anders als die anderen: Aali spürt „ein Ziehen in der Brust, ein Kribbeln, das durch seinen ganz Körper läuft. Als würde er nicht genug Wasser bekommen, obwohl er mitten im Kanal schwimmt.“ Die Veränderung bleibt auch Aalis Freund Frank nicht verborgen, der loyalen Brasse, die den Aal seit vielen Jahren auf seinen Runden durch den Kanal begleitet. „Was weder Aali noch Frank in diesem Moment wissen: Aali steckt mitten in einer großen Verwandlung – nämlich der zum Blankaal. Verwandlung? So zauberstabmäßig wie in einem alten Märchen, ping und aus Aschenputtel wird eine Prinzessin? Nicht ganz. Aber dafür in echt und deshalb noch beeindruckender.“

Zipfel und Heinrich gelingt es, die Geschichte des Aals, dessen Verwandlung vom Gelbaal zum Blankaal sowie die abenteuerliche Reise vom Nord-Ostsee-Kanal in die Sargassosee lebhaft und sehr amüsant in Szene zu setzen. Dabei wird nicht nur das Erzählen selbst zum Thema – „Okay, also während Frankie seinem Kumpel gemächlich folgt, muss ich kurz klarstellen, dass ich selbst kein Aal bin. Nicht mal ein Fisch. Ja, gut, das hast du dir eh schon gedacht, oder? Ich bin ein Mensch, eine Geschichtenerzählerin. Und als Geschichtenerzählerin suche ich die besten, schönsten, größten, lustigsten, traurigsten Geschichten, um sie dir zu erzählen. Und diese hier ist so eine“ – sondern es werden auch fortlaufend optisch abgesetzte Hintergrundinformationen eingewoben. Etwa über die „vier Leben eines Aals“, „Aalis magnetischer Alleingang“ oder den „Golfstrom – die Unterwasser-Autobahn“. Auch dieses Faktenwissen ist überaus unterhaltsam und spannend zu lesen, so dass man Aali gerne und staunend auf seiner Unterwasserwanderung begleitet.

Nele Brönners Bilder tragen dabei wesentlich zum Leseerlebnis bei: Sie hüllen die Seiten und die Unterwasserwelt in faszinierende Schwarz-, Grün- und Türkistöne, die die Dynamik, die Strömung und die Tiefe des Meeres und seiner Bewohner:innen einfangen. Die Atmosphäre und Vielschichtigkeit der seitenfüllenden Bildwelten resultieren aus dem dreifarbigen Druck – neben Schwarz kommen die Sonderfarben Gelb und Türkis zum Einsatz. Der Farbverlauf des Bildhintergrunds, der sich durch das gesamte Buch zieht, zeigt die Transformation des Aals ebenso wie die Gebiete, die er durchschwimmt. Aali und die unterschiedlichen Tiere, die ihm auf seiner Wanderung begegnen, sind mit schwarzer Tusche gezeichnet und digital mit den Drucken kombiniert und spiegeln wiederum in fein gesetzten Details den Humor der Erzählung.

Als Aali so mit einem Lächeln im Gesicht an seinem Ziel ankommt, um in die Dunkelheit der Sargassosee abzutauchen, lässt er die Lesenden in Unwissenheit zurück. Denn tatsächlich endet die Geschichte mit einem Geheimnis und nicht mit einem Wunder oder einer erfundenen Erklärung. Die Wissenschaft hat bis heute keine Antwort auf die Frage, was im Unterwasserwald geschieht, wie Aale laichen und was mit den alten Aalen geschieht, die dort verschwinden. Zipfel, Heinrich und Brönner finden hierauf die schönste Antwort bzw. eine kluge „Lektion: Dass nicht alles verstanden werden muss. Dass manche Geheimnisse schöner sind als alle Erklärungen.“

Von Marlene Zöhrer

Marlene Zöhrer ist Jurorin, Referentin und Rezensentin für Kinder- und Jugendliteratur. Sie arbeitet als Hochschulprofessorin für Kinder- und Jugendliteratur und Deutschdidaktik an der PH Steiermark in Graz.