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Buchcover Im ersten Licht

Norbert Gstrein Im ersten Licht

Übersetzungsförderung
Polnische Rechte bereits vergeben.

Das Räderwerk des Kriegs

Es hat den Anschein, dass Literatur zunehmend an moralischen Maßstäben, an den Haltungen der Figuren oder gar an der des Autors, gemessen wird. Der Tiroler Norbert Gstrein, geboren 1961, ist in diesem Sinne ganz gewiss kein amoralischer Schriftsteller. Aber einer, der den uneindeutigen Seiten der Menschen, von denen er erzählt, ihren Raum lässt. Einer, der Ambivalenzen nicht nur aushält, sondern sie gezielt in seine kunstvollen Bücher einschreibt. Wo der öffentliche Diskurs vorgibt, Eindeutigkeit herstellen zu können und zugleich in einen Anklagemodus umschaltet, löst Norbert Gstrein vermeintliche moralische Überlegenheit in literarischer Genauigkeit auf. Es gibt kaum einen Autor, der so treffsicher in jene Zwischenräume vorzustoßen vermag, in denen Menschen sich ihrer selbst ungewiss werden.

Der Krieg war in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder ein Thema seiner Bücher. Mit seinem neuen Roman „Im ersten Licht“ ist Norbert Gstrein aber noch einmal auf einer neuen Stufe seiner Kunst angekommen. Wie so oft in Gstreins Büchern ist es bereits der erste Satz, der das Thema des Buches setzt und zugleich Spannung erzeugt: „Adrian war selbst nicht im Krieg gewesen, aber dreimal im Lauf seines Lebens hatte er mit jungen Männern zu tun, die im Krieg gewesen waren und die dann sein weiteres Leben jeweils für lange bestimmten.“ Adrian, die Hauptfigur, heißt mit vollem Namen Adrian Reiter, und man könnte seine Geschichte so erzählen: Geboren 1901 als Sohn eines Postbeamten im Salzburger Land. Der versetzt dem jugendlichen Adrian mit einer Axt den „goldenen Hieb“ in den Oberschenkel und bewahrt ihn auf diese Weise davor, in den Ersten Weltkrieg geschickt zu werden. Adrian wird Gymnasiallehrer, schlängelt sich in einer Mischung aus Naivität und Opportunismus durch den Nationalsozialismus, schaut teilnahmslos dem Scheitern seiner Ehe zu, hat in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit bei diversen Englandaufenthalten die beste Zeit seines Lebens und findet sich im Jahr 1988 in seiner letzten Wohnung unter dem Bildnis eines Engels mit riesigen Schwingen wieder. Nichts davon wäre falsch, und doch braucht es den Autor Norbert Gstrein, um aus diesen biografischen Daten ein literarisches Kunstwerk zu machen.

Wie immer bei Gstrein ist es die Sprache, sind es die langen Satzgirlanden, in die er seine Figuren so elegant einschließt, dass die Charaktere zugleich kenntlich und zum Rätsel werden. Sprache ist, so paradox das klingen mag, beim Österreicher Gstrein stets auch ein Erkenntnisinstrument für die manipulative Macht der Worte. Adrian Reiter ist eine Nebenfigur der Zeitläufte; einer, der dabeisteht und sich nicht wehrt, durch den die Dinge hindurchfließen und eben deshalb auch geschehen können. In jedem der drei langen Teile des motivisch eng verzahnten Romans wird Reiter zum Zeugen von Ungeheuerlichkeiten: Im ersten Teil versteckt eine reiche Industriellenfamilie in ihrer Seevilla in Adrians Heimatort den eigenen, von Kriegsverletzungen entstellten Sohn, der zuvor für tot erklärt wurde. Dieser Ernest, Sohn einer englischen Mutter wird, wie später fast alle anderen Insassen der Villa, Suizid begehen. Im zweiten Teil ist es Adrian Reiters Schüler Martin Baumgartner, der sich, angesteckt von Adrians Begeisterung für die Kavallerie, freiwillig zur Armee meldet und dem Lehrer im Weihnachtsurlaub 1941 von Erschießungen im Osten erzählt. In Adrians Erinnerung verschwimmt Baumgartners Erzählung so lange, bis er sich nicht mehr sicher ist, ob sein ehemaliger Schüler, dessen Vorkriegsbiografie Gstrein an die des späteren Bundespräsidenten Kurt Waldheim angelehnt hat, nun aktiver Täter war oder passiver Beobachter.

Adrian, den der Eingriff des Vaters davor bewahrt hat, selbst in den Krieg ziehen zu müssen, kann einem in seiner Haltungs- und Wahrnehmungsindifferenz unheimlich werden. Abgesehen davon, dass er, der Geschichtslehrer, seine Schüler zu Beginn des Dritten Reichs Aufsätze zu lächerlichen, den Führer verherrlichenden Aufgabenstellungen hat schreiben lassen, hat Adrian im Grunde nichts getan. Präziser gesagt: Was er in dieser Zeit getan hat, lässt Gstrein im Dunkeln, nur eines ist sicher: Widerstand geleistet hat er auch nicht. Aber ist es eine Schuld, nichts zu tun? „Im ersten Licht“ ist voll von sorgfältig arrangierten, beklemmenden Szenen und Bildern, die im Gedächtnis nachhallen. Norbert Gstrein verurteilt niemanden. Seine Welt ist nicht unterteilt in Opfer und Täter. Adrian ist ein teilnehmender Beobachter des unheilvollen Laufs der Geschichte. Er ist Teil des großen kriegerischen Räderwerks, das nie zum Stillstand kommt. Bis heute nicht. Kann ein Roman gegenwärtiger sein?
Buchcover Im ersten Licht

Von Christoph Schröder

Christoph Schröder lebt als Kritiker und Autor in Frankfurt/Main. Er arbeitet unter anderem für SWR Kultur, den Deutschlandfunk und Die Zeit.