Sparte: Kulturgeschichte

Barbara Honigmann
Ein Kapitel aus meinem Leben

Biografie

Buchbesprechung

Mit dem Buch Ein Kapitel aus meinem Leben führt Barbara Honigmann wichtige Themen ihrer bisherigen literarischen Produktion weiter. Auch ihre früheren Bücher wie Eine Liebe aus nichts oder Roman von einem Kinde sind größtenteils autobiographisch geprägt und so knüpfen diese Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend und der damit verbundene Versuch, durch das Erzählen eine Annäherung an die Person und Persönlichkeit der eigenen Mutter zu erreichen, an das frühere Werk an.

Alice Honigmann, die Mutter, muss wirklich eine sehr ungewöhnliche Frau gewesen sein. 1910 wurde sie in Wien als Kind ungarischer jüdischer Gutsbesitzer oder -verwalter geboren, aber die ersten Jahre bis zur Einschulung, später die Sommermonate verbrachte sie bei den Großeltern mütterlicherseits auf einem Gut in der ungarischen Provinz. Ihre Welt war unterteilt in die „gute“, jüdische Welt, in der man sich zu benehmen wusste und kultiviert war, und die „andere“, die Welt der „prügelnden und trinkenden“ ungarischen Bauern. Diese Weltsicht hinderte sie allerdings keineswegs daran, sich als junge Frau im Wien der frühen dreißiger Jahre den österreichischen Kommunisten anzuschließen und sich in der prosowjetischen „Roten Hilfe“ zu engagieren, wo sie auch den jungen britischen Studenten Kim Philby traf. Philby wurde später bekannt, weil er als Doppelagent für die Sowjetunion arbeitete. Mit ihm ging sie nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich nach England, wo der junge Journalist – und damit zumindest indirekt auch seine Frau – vom KGB angeworben wurde. Zu ihrer besseren Tarnung integrierten sie sich in jenen ultrakonservativen Teil der britischen Gesellschaft, der durchaus Sympathien für Franco und andere Vertreter faschistischer Systeme in Europa hegte. Für Litzy Philby, wie sie inzwischen hieß, wurde es eine aufregende Zeit. Während des spanischen Bürgerkrieges ging ihr Mann als Auslandskorrespondent nach Spanien, um für konservative britische Zeitungen zu berichten und gleichzeitig für den KGB interessante Informationen nach Moskau zu schicken. Litzy lebte in diesen Jahren in Paris, führte nach außen hin ein mondänes Leben am Quai d’Orsay und leitete gleichzeitig die Kassiber von Kim an ihre Verbindungsleute beim KGB weiter.

Bevor die Deutschen Paris besetzten, kehrte sie nach London zurück. Von Philby hatte sie sich längst entfernt, nun wurden sie auch geschieden. In London erlebte die weiterhin engagierte Kommunistin den Rest des Krieges. Von der stolzen und unbeugsamen Haltung der Engländer angesichts der schrecklichen Zerstörungen durch die deutschen Bomben war sie sehr beeindruckt und führte dieses später oft und gerne als Beispiel für den von ihr sehr geschätzten britischen „Stil“ an. Gemeinsam mit ihrem Mann Georg Honigmann, dem Vater der Autorin, verlässt Alice Honigmann Ende der vierziger Jahre England, um in der DDR zu leben. 1949 wird Barbara, die einzige Tochter, in Berlin geboren, aber kurz darauf geht auch diese Ehe auseinander. So erlebt das Kind seine Eltern nie als Paar, aber immer als gute Freunde.

Dies ist die Situation, in die Barbara Honigmann mit ihrem Buch einsteigt. In siebzehn unbetitelten Kapiteln, die Ort und Zeit betreffend scheinbar keiner bestimmten Ordnung folgen, erinnert sich die Autorin an die unterschiedlichsten Begebenheiten aus ihrer Kindheit und Jugend in Ostberlin, der Hauptstadt der DDR. Mit ihrer Mutter bewohnt sie eine große Wohnung in einer Karlshorster Villa, in der außer den beiden mehrere andere „männerlose“ Frauen und ihre Töchter nach den Kriegswirren eine neue Heimat gefunden haben.

Das Buch schließt an frühere Arbeiten an, in denen sich die Autorin bereits mit anderen wichtigen Erfahrungen und Abschnitten ihres Lebens beschäftigt hat. Auch in „Ein Kapitel aus meinem Leben“ erzeugt Honigmanns unaufgeregt-leichte Erzählweise den Eindruck als nähere sich die Erzählerin ihrem Thema erst im Schreiben selbst, das dadurch einen gesprächsartigen und unmittelbaren Duktus bekommt. Neben dieser persönlichen Geschichte ist das Buch aber auch eine Schilderung der Lebensumstände jüdischer Intellektueller in der DDR, zu denen die Bevölkerung und auch die Vertreter der Politbürokratie ein sehr ambivalentes Verhältnis hatten. Einerseits konnten fast alle auf eine kommunistische Vergangenheit, auf Verfolgung durch die Nazis und jahrelanges Exil verweisen, andererseits unterstrich die SED ihren Absolutheitsanspruch auch durch ein Verbot, gleichzeitig Mitglied der Partei und Mitglied der jüdischen Gemeinde zu sein. Neben ihren Schulfreundinnen waren die Freunde, Genossen und Weggefährten der Eltern die Bezugspersonen des Kindes in Berlin und vor allem auch auf den jährlichen Urlaubsreisen nach Österreich und Ungarn. Wie ein Puzzle setzt sich so aus vielen kleinen Momentaufnahmen, aus Anekdoten der Freunde, aus Unterhaltungen mit dem Vater und aus eigenen Erinnerungen nach und nach ein Bild der Mutter zusammen, das jedoch nie ganz aufzugehen scheint – weder für die Leser noch für die Tochter selbst. Diese Lückenhaftigkeit scheint jedoch Teil der Persönlichkeit – oder Selbstinszenierung? – der Mutter gewesen zu sein, die angibt, weder ihr genaues Geburtsdatum noch die Jahre ihrer verschiedenen Scheidungen oder ihre ursprüngliche Haarfarbe zu kennen. Doch ebenso wie in ihren früheren Büchern verzichtet Honigmann auch hier weitgehend darauf, die zwischenmenschlichen Beziehungen zu analysieren. Sie beschränkt sich auf das Erzählen selbst und überlässt es dem Leser, seine Schlüsse daraus zu ziehen.

Diese Form des genauen Beobachtens gelingt ihr auch in dem vorliegenden Band in meisterhafter Weise. Ihn aber als ein Buch über die Mutter zu bezeichnen trifft seinen Kern eigentlich nicht. Die Annäherung an die Person der Mutter ist letztlich nichts anderes als die Schilderung eines weiteren Teilstücks der eigenen Geschichte. Vielleicht verzichtet Honigmann auch aus diesem Grund auf eine dokumentarisch genaue Recherche in den Unterlagen der Mutter, weil es ihr gar nicht in erster Linie um die Mutter geht. Die offensichtlichen Leerstellen im Bild der Mutter mögen somit ein Hinweis auf die tiefere Absicht des Buches sein – nämlich die geradezu rätselhafte Rolle darzustellen, die die Mutter aus der Sicht des Kindes verkörperte und so zu zeigen, wie das Kind mit dieser Situation umging.

Barbara Honigmann hat mit diesem Buch ein weiteres Kapitel aus ihrem eigenen Leben erzählt – es könnte auch den Titel „Meine Mutter“ tragen. Es ist sicher schwierig und aufregend zugleich, eine Mutter wie Alice Honigmann zu haben. Barbara Honigmann berichtet so gelassen, so humor- und liebevoll von ihr, dass man nach der Lektüre des Buches das Gefühl hat, zwei ganz unterschiedliche aber gleichermaßen beeindruckende Frauen kennen gelernt zu haben.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 19.05.2005