Sparte: Belletristik

Ilija Trojanow
Der Weltensammler

Buchbesprechung

Es ist ein Stoff, wie man ihn sich nur wünschen kann: Die Lebensgeschichte des britischen Offiziers Sir Richard Francis Burton, der tatsächlich gelebt hat (1821-1890) und quer durch die Kontinente reiste, Indien, Arabien und Afrika kannte wie seine Westentasche, als einer der ersten Europäer verkleidet die heiligen Stätten von Mekka und Medina besuchen konnte und zahllose Abenteuer erlebte. Inspiriert vom Leben und dem schriftstellerischen Werk, das Burton hinterließ, hat der 1965 in Sofia geborene Autor Ilija Trojanow jetzt einen dickleibigen Roman über diesen Weltensammler – so der Titel des Buches – geschrieben. Dieser Roman ist außerordentlich geglückt und weit mehr als nur ein farbenträchtiger Bilderbogen.

Vielleicht hat Burton in Trojanow einen kongenialen Bruder im Geiste gefunden, denn der Erzähler bulgarischer Abstammung ist selbst ein Weltenwanderer, der mit seiner Familie 1971 über Jugoslawien und Italien nach Deutschland fliehen mußte, wo sie Asyl erhielten, und der ab 1972 in Kenia aufgewachsen ist, in München Mitte der Achtziger Jahre Rechtswissenschaften und Ethnologie studierte, 1989 und 1991 jeweils einen Verlag gründete, 1999 für einige Jahre nach Bombay zog und heute in Kapstadt lebt. Er schreibt auf deutsch, und dies so glanzvoll, daß der vorliegende Roman mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2006 ausgezeichnet worden ist. Bereits in seinem ersten Roman, „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ erwies sich Trojanow als quicklebendiger Erzähler, der mit weicher Hand eine Vielzahl schillernder Szenen und Geschichten zu einem mitreißenden Stück Literatur zusammenzuführen weiß.

Sehr angenehm ist, daß Trojanow in seinem Weltensammler gar nicht erst dem verführerisch naheliegenden Versuch erliegt, den geschichtenprallen Lebensroman Burtons möglichst bunt nachzudichten. Denn schon als junger Mann war Burton als Agent in Persien und Indien unterwegs, er reiste als arabischer Kaufmann durch Somalia, als afghanischer Arzt durch Arabien, erreichte als erster Europäer den Tanganjikasee, durchquerte Amerika und fertigte in seinen späten Jahren eine kommentierte Übersetzung von Tausendundeiner Nacht und dem Kamasutra an. Zudem war der Offizier ein wahres Sprachgenie, das auf seinen Reisen bald dreißig Sprachen lernte. Was für ein Stoff. Aber was will man da noch dazu erfinden? Trojanow kalkuliert gut und isoliert drei Episoden aus der Lebensgeschichte seines Helden: die Jahre auf dem indischen Subkontinent, die sich daran anschließende Reise nach Mekka und schließlich die Expedition zu den Nilquellen Afrikas.

Als kluger erzähltechnischer Kunstgriff erweist sich dabei die Entscheidung, diese Episoden aus stets ein wenig voneinander abweichenden Perspektiven zu erzählen. So wartet der erste Teil vor allem mit den Memoiren von Burtons Diener Naukaram auf, während der zweite Teil als Reisebericht Burtons ausgefaltet wird und sich im dritten Teil die Erzählungen Burtons mit den mündlichen Berichten seines Sklaven verschränken.

Kaum trifft der Offizier nach seiner Reise von England aus in Britisch-Westindien ein, geht er mit den Indern einen charmanten Tauschhandel ein: Portwein gegen Wortschatz, so berichtet Burtons Diener, und Burton lernt rasch, läßt sich von einem Brahmanen im Sanskrit unterrichten und macht Bekanntschaft mit der spirituellen Vielfältigkeit des Landes. Trojanow gelingen in diesem Teil die vielleicht eindrucksvollsten Passagen seines Romans, kaum einmal hat man von der drückenden, übervollen, bis zur Schmerzgrenze gestaltenreichen und lauten Atmosphäre Bombays so unmittelbar gelesen wie hier: „Manchmal rülpste die pralle Stadt. Alles roch wie von Magensäften zersetzt. Am Straßenrand lag halbverdauter Schlaf, der bald zerfließen würde.“ Man glaubt es mit den Händen greifen zu können, wenn Trojanow das Getöse der Märkte, das Gewisper der Händler und Prostituierten, die Gerüche der Häuser und Plätze in nuancierte Bilder faßt.

Der Mittelteil des Romans erzählt vor allem von der Hartnäckigkeit, mit der der Engländer seine Ziele verfolgte. Er trat zum Islam über, einerseits, um der islamischen Kultur seinen Respekt zu zollen, andererseits aber auch, um die heiligen Stätten von Mekka und Medina besuchen zu können, was damals den Ungläubigen verwehrt war. Im dritten Großkapitel des Romans begleiten wir mit den Augen eines weiteren Gefährten, des Sklaven Sidi Mubarak Bombay, die entbehrungsreiche Expedition Burtons, der als erster die Quellen des Nils erreichen wollte.

Die große Stärke des an Binnengeschichten naturgemäß reichen Buches liegt jedoch darin, nicht mit breitem Pinsel eine möglichst anschauliche Kulisse zu malen, vor der die Figuren in exotischen Kostümen zu Darstellern eines unterhaltsamen Folkloretheaters werden. Tatsächlich gestaltet Trojanow mit den Mitteln des historischen Romans überzeugend die Fragen nach dem Wesen der Fremdheit, nach den Möglichkeiten und Strategien, sich das Fremde anzueignen, ohne es in seiner Eigenwilligkeit, die sich nie bis ins Letzte auflösen ließe, zu zerstören. Durch das Raffinement des perspektivischen Erzählens, durch die Blicke des Engländers auf Indien, denen die verwunderten Ansichten des Inders auf seinen englischen Herrn gegenüberstehen, durch die eingeflochtenen Reisebegegnungen in Afrika und Arabien erweist sich die Fremde als bloße Zuschreibung dessen, der sie eben erstmals betritt.
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Von Oliver Jahn, 09.10.2006