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Buchcover Haus zur Sonne

Thomas Melle Haus zur Sonne

Übersetzungsförderung
Für diesen Titel bieten wir eine Übersetzungsförderung ins Polnische (2025 - 2027) an.

Pilotprojekt zur Selbstabschaffung

Bücher von Thomas Melle zu lesen bedeutet stets in einen Abgrund zu blicken, in eine persönliche wie auch gesellschaftliche Finsternis, die geschildert ist in einer nicht prätentiösen, nicht elaborierten, aber ungemein mitreißenden Sprache, die Sogwirkung entfaltet. Thomas Melle leidet an einer bipolaren Störung. Und er schreibt darüber, um überleben zu können. Er schreibt aber auch, um allen davon zu erzählen. Die Krankheit, so sagt er, habe ihn zum Schriftsteller gemacht.

Im Jahr 2016 erschien sein Buch „Die Welt im Rücken“, das keine Gattungsbezeichnung trug, das ganz eindeutig ein autobiografischer Bericht, zugleich aber auch große Literatur war. In Gesprächen hat Melle den Typus des „Irren“, dem er sich in aller Radikalität selbst zugeordnet hat, mit einem Terroristen verglichen: herausgefallen aus allen gesellschaftlichen Kontexten, ohne Bezug zu einem geregelten Alltag, herausgefallen aus jeglichen Ordnungen. Und selbstverständlich auch noch wütend; wütend über die eigene Machtlosigkeit gegenüber der Krankheit, wütend aber auch über die Reaktionen, die ihm entgegenschlagen. „Die Welt im Rücken“ erzählt von einem Totalverlust aller Bindungen und aller materiellen Sicherheiten. Der Hoffnungsschimmer manifestierte sich in dem Gedanken, dank einer optimalen Medikamentierung die Krankheit, die Depressionen, die paranoiden Schübe, die Wahnhaftigkeit, mit der der Kranke überall und in allem in der Welt Zeichen erkannte, einigermaßen im Griff zu haben.

Ein Irrtum. Von diesem Irrtum und den Konsequenzen handelt Thomas Melles neues Buch, das dieses Mal als Roman etikettiert ist. Die Manie kommt zurück. Anlass dafür, so schreibt der Ich-Erzähler, war die Verleihung des Nobelpreises an Peter Handke. Der Erzähler veröffentlicht einen Artikel über die darauf folgenden Reaktionen auf Twitter. Diesen Artikel gibt es; Thomas Melle hat ihn seinerzeit in der „Zeit“ veröffentlicht. Im Roman heißt es: „Ich hatte den Artikel in drei, vier Stunden geschrieben, noch schnell vor einem Kurzurlaub. Der Artikel, ebenso schnell veröffentlicht, hatte einen Unteraufruhr im eh aufgerührten Diskurs, vor allem dem der sozialen Medien, zur Folge. Da begann es. Ich fühlte mich missverstanden und wollte noch einmal interpretativ nachschärfen, wollte eine weitere Aussage machen, ohne von meiner Gesamtkritik des Mediums Twitter abzulassen, sah dabei während des Kurzurlaubs zu oft auf mein Handy, las Bescheuertes, Überforderndes, Attackierendes, stand unter Stress.“

Melle – oder sein Ich-Erzähler – fällt in einen bodenlosen Abgrund aus Verfolgungswahn. Eine Psychose, so destruktiv wie nie. Die Einsicht: „Ich wurde wieder verrückt und blieb es.“ In diesem Zustand entdeckt Melles Erzähler im Jobcenter einen Flyer. „So nicht weiter?“, heißt es da; eine Werbung für ein „Pilotprojekt zur Lebensverbesserung, Traumverwirklichung, Selbstabschaffung“. Dieses Projekt ist das titelgebende Haus zur Sonne. Der Erzähler bewirbt sich um den Einzug in diese Institution und bekommt eine Zusage. In der Einrichtung, gefördert mit staatlichen Mitteln, passiert, kurz zusammengefasst, Folgendes: Menschen, die den Wunsch haben, nicht mehr weiterzuleben, weisen sich dort freiwillig ein. In so genannten Simulationen, höchst lebendigen Träumen, erleben sie eine Zeit lang Alternativgeschichten; Projektionen dessen, wie ihr Leben auch hätte verlaufen können. Wer oder was sie hätten sein können, wenn sie anders, „gesund“, lebenstüchtiger gewesen wären. Man zeigt ihnen noch einmal das gute Leben – dann bringt man sie um.

Das Haus zur Sonne ist ein in schöne Worte gekleidetes Euthanasieprogramm, aus dem es keinen Ausweg mehr gibt, ist man erst einmal drin. Denn gekommen ist man ja freiwillig. Man geht als Leser dieses Romans noch einmal mit, durch alle Hochgefühle und alle Tiefen eines extremen Bewusstseins, das auf Zerstörung ausgerichtet ist. Unausgesprochen stellen sich in „Haus zur Sonne“ große ethische Fragen nach dem Umgang mit Krankheit und mit einem vermeintlich nicht lebenswerten Leben. Dass die Menschen ihr eigenes Leben nicht mehr als erhaltenswert empfinden, dreht diese Spirale noch weiter. „Haus zur Sonne“ ist ein radikaler Roman. Und letztendlich, in seinem Aufbegehren, auch ein tief humanes Buch.
Buchcover Haus zur Sonne

Von Christoph Schröder

Christoph Schröder, Jahrgang 1973, arbeitet als freier Autor und Kritiker unter anderem für den Deutschlandfunk, SWR Kultur und Die Zeit.