Buchcover Das Jahr des Kalks

Laura Vogt Das Jahr des Kalks

Übersetzungsförderung
Für diesen Titel bieten wir eine Übersetzungsförderung ins Polnische (2025 - 2027) an.

Das Material, aus dem der Mensch ist

Von der ersten Zeile an ist der außergewöhnliche Tonfall dieses Romans gesetzt: „Spuren von Wasser, von Regen, gemischt mit den Spuren von Fortpflanzung: Ein gelblicher Pollenfilm, eingetrocknet als Tropfenmuster, klebt an der Fensterscheibe vor mir, der Scheibe vor meinem Schreibtisch. Es sind die Spuren eines Versuchs fortzubestehen, eines Versuchs zu bleiben.“ Was geschieht, wenn man in Gefahr ist, einen anderen Menschen zu verlieren, der von großer Bedeutung ist für das eigene Leben? Zunächst einmal verändert sich der Blick. Er wird, so paradox das klingen mag, genauer. Die Wahrnehmung saugt sich an Details fest und neigt dazu, diese als Symbole für das Große und Ganze zu sehen. Materialität, Stoffliches gewinnen an Bedeutung, weil eine andere Form von Materialität zu verschwinden droht – der Körper.

Es bedarf eines großen Maßes an Welterfahrung, um zu dieser Einsicht zu kommen. Aus dieser Perspektive ist „Das Jahr des Kalks“, der vierte Roman der 1989 geborenen Schweizerin Laura Vogt, in all seiner stilistischen Zurückgenommenheit ein ungeheuer welthaltiges Buch. Die Ausgangssituation: Alina, die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin und Künstlerin, hat ihr Atelier nur ein paar Häuser weiter von jenem Kantonsspital, in dem ihr Onkel Per im Sterben liegt. Dieser Mann, der für sie mehr war als nur ein Onkel, hat ein Jahr zuvor die Krebsdiagnose bekommen. Nun wartet Alina auf eine Nachricht aus dem Hospital; es geht darum, sich von Per zu verabschieden. Per, der Bruder des Vaters war es, der für Alina da war, nachdem der Vater die Familie verlassen hatte. Alina erinnert sich, an gemeinsame Reisen, an Augenblicke der Innigkeit, an gemeinsame Wanderungen in den Bergen. Und sie zieht Bilanz im Hinblick auf ihre eigene Lebenssituation als Mutter zweier Kinder, als Ehefrau.

Das klingt, mit Verlaub, erst einmal eher konventionell, doch dieser Roman ist alles andere als das. Denn das Leitmotiv des Kalks und des Staubs zieht sich in diversen Spielformen durch die Erzählung: Der Vater hat sich buchstäblich aus dem Staub gemacht. Per, der Onkel, erwartet jenen Zustand, von dem das katholische Memento Homo aus dem Buch Genesis kündet: „Bedenke, o Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst.“ Alinas Großvater wiederum war Chemielaborant und Steinbildhauer und hat sich intensiv mit Mineralien und der Beschaffenheit von Gestein auseinandergesetzt. So dicht hängt bei Laura Vogt alles miteinander zusammen: „Dinge kommen, Dinge gehen. Tiere leben, Tiere sterben. Derweil bilden sich Ablagerungen, schichtet sich Material, auf dem Land, im Meer, in Flüssen und Seen, verdichtet sich, entwässert, komprimiert, zu Sedimenten.“

Das Abgesunkene, in der Erinnerung und in den Tiefenschichten Verborgene, ist es, dem Laura Vogt ihre Erzählerin nachspüren lässt. Alina meldet sich im Sauriermuseum für einen Präparationskurs an. „Relikte präparieren“, so denkt sie, „vielleicht ist das alles, was mir im Moment bleibt.“ „Das Jahr des Kalks“ ist fern von jeder Sentimentalität. Es ist ein sprachlich subtiler, dicht gewobener Text, der große Fragen stellt, ohne sie explizit auszusprechen. Und der keine Antworten gibt, sondern sich nach Möglichkeiten vortastet. In dieser Offenheit der Suchbewegungen liegt auch ein großer Trost.
Buchcover Das Jahr des Kalks

Von Christoph Schröder

Christoph Schröder lebt als Kritiker und Autor in Frankfurt/Main. Er arbeitet unter anderem für SWR Kultur, den Deutschlandfunk und Die Zeit.