Susanne Heim Die Abschottung der Welt
- C.H.Beck Verlag
- München 2026
- ISBN 978-3-406-84301-3
- 384 Seiten
- Verlagskontakt
Für diesen Titel bieten wir eine Übersetzungsförderung ins Polnische (2025 - 2027) an.
Kein Ort zum Bleiben, kaum ein Ort zum Ankommen
Die Geschichte von Flucht und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Deutschland ist, warum auch immer, weniger gut erforscht als die ihrer Vernichtung. Eine der Expertinnen für dieses komplexe Thema ist Susanne Heim, die als Projektleiterin die sechzehnbändige Quellenedition zu „Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945“ betreut hat. In ihrem neuen Buch geht es um die „Abschottung der Welt“. Es war Deutschland, das den Juden das Bleiben unmöglich machen wollte. Und es war die Welt, die ihnen vielfach das Ankommen verweigerte. Als „eine Form polizeilich organisierter Gesetzlosigkeit“ hat Hannah Arendt die Politik der geschlossenen Grenzen kritisiert. Heim erkennt Parallelen zur heutigen Flüchtlingspolitik, in Europa, Amerika und anderswo. „Wie werden“, fragt sie, „Historikerinnen und Historiker künftiger Generationen über die heutige Migrationspolitik urteilen?“
Breiten Raum nehmen in Heims Buch die dramatischen Fluchterfahrungen von Jüdinnen und Juden ein. Markant unterscheiden sich dabei die Schicksale von Männern und Frauen, Armen und Reichen, Alten und Jungen, aber auch die der früh von denen der spät Geflüchteten. Mit dem Kriegsausbruch 1939 spitzt sich die Lage weiter zu. Wer nicht nach Übersee fliehen kann, ist von der Deportation bedroht. Detailliert betrachtet Heim die Politik der Zufluchtsländer, in denen oft genug der einheimische Antisemitismus der Aufnahme im Wege stand. Nur zögerlich formiert sich eine internationale Flüchtlingspolitik, in der, auch im Dienst der eigenen Abschottung, Pläne erörtert werden, den Juden Siedlungsgebiete in Afrika oder Australien zuzuweisen. Dem gegenüber stehen verdienstvolle Initiativen wie die „Kindertransporte“, mit denen das britische Parlament 1938 unbegleiteten Kindern die Einwanderung ermöglichte. Wenn auch die Völkergemeinschaft sich nicht zu einer gemeinsamen Politik durchringen konnte, so hat man doch in dieser Ära immerhin die Notwendigkeit einer multilateralen Flüchtlingspolitik erkannt – die Gründung der UNHCR 1950 ist auch eine Konsequenz daraus.
Letztlich aber sind es weniger die Staaten als die zivilen Netzwerke gewesen, die Jüdinnen und Juden Flucht und Überleben ermöglicht haben. Internationale jüdische Organisationen, am Wirksamsten das „American Jewish Joint Distribution Committee“ waren mitunter in der Lage, Politik und Gesellschaft für ihr Anliegen zu aktivieren. Gemessen am Ausmaß der jüdischen Katastrophe im Holocaust muten die kleinen Schritte der damaligen Hilfsorganisationen eher bescheiden an. Trotzdem konnte sich die jüdische Community, vor allem in den USA und in Großbritannien, durchaus Gehör verschaffen. Welche Lobby aber könnte, um an Heims Parallele zu erinnern, heutigen Fluchtbewegungen eine Stimme geben?
Von Christoph Bartmann
Christoph Bartmann war Leiter der Goethe-Institute in Kopenhagen, New York und Warschau und lebt heute als freier Autor und Kritiker in Hamburg.
Inhaltsangabe des Verlags
Als Juden vor verschlossenen Türen standen. 1933-1945.
"Deutschland muss ihnen ein Land ohne Zukunft sein": Nach dieser Devise wurden Juden in Deutschland bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs entrechtet, enteignet und gedemütigt, um sie außer Landes zu treiben. Doch wohin? Susanne Heim hat erstmals systematisch untersucht, welche perfiden Barrieren die freien Länder der Welt gegen die Flüchtlinge errichteten. Ihr anschaulich erzähltes Buch führt eindringlich vor Augen, warum nur so wenigen Juden die Flucht gelang - bis der NS-Staat die Emigration verbot und den Massenmord organisierte.
In Deutschland drangsaliert und verfolgt, versuchten viele Juden verzweifelt, sich ins Ausland zu retten. Doch potenzielle Zufluchtsstaaten schlossen ihre Grenzen und schotteten sich mit jeder weiteren deutschen Expansion stärker ab. Der Völkerbund und die US-Regierung bemühten sich erfolglos, die Flüchtlingspolitik zu koordinieren: Auf der Konferenz im französischen Évian berieten im Juli 1938 Staaten und Hilfsorganisationen über die Aufnahme von Flüchtlingen - ohne Ergebnis. Die Nazis höhnten, niemand wolle die Juden haben. Weil Flüchtlingen eine reguläre Einreise verwehrt blieb, bestiegen sie seeuntüchtige Boote, bezahlten Fluchthelfer und gingen illegale Wege, um sich in Sicherheit zu bringen. Susanne Heims konzises und anschauliches Buch ist ein großer Wurf: Noch nie wurden die internationale Flüchtlingspolitik und ihr dramatisches Scheitern so umfassend beschrieben. Eine notwendige und beklemmende Lektüre, denn die demokratischen Staaten scheinen bis heute nur wenig dazugelernt zu haben.
(Text: C.H.Beck Verlag)
